Doch an Arbeiten ist für Rubelt ohnehin nicht zu denken. Seine inzwischen fünfjährige Tochter hat unter der Trennung gelitten, kann sich schlecht konzentrieren. Die Ärzte diagnostizieren das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS. Sie braucht ihren Vater mehr als andere Kinder, und Rubelt will ein guter Vater sein. Einer der da ist, wenn sie nach Hause kommt, der das Essen rechtzeitig fertig hat und der mit ihr im Sommer auf den Campingplatz und zum Angeln fährt. Auch gesundheitlich ist Rubelt nicht mehr voll belastungsfähig. Seit seiner Jugend hat er Asthma, später kommen eine Gelenkkugelverletzung und ein gebrochenes Knie hinzu.

Das Jobcenter scheint Rubelt zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben zu haben. "Erlangung der Erwerbsunfähigkeitsrente" steht als Ziel in der Kooperationsvereinbarung, die mit ihm abgeschlossen wurde. Doch obwohl Rubelt sich Mühe gibt, seinen Teil der Verpflichtung einzuhalten, und regelmäßig zum Arzt geht, wird daraus nichts. Aus Sicht der Mediziner ist er dafür nicht krank genug.

Dass das ein Glück für ihn ist, stellt sich erst an jenem Donnerstag heraus, als Rubelt im Hof der Firma Reimann steht, im Rücken die große alte Kirche, in der er und der Unternehmer einst gemeinsam konfirmiert wurden, und Reimann plötzlich auf dieses neue Gesetz zu sprechen kommt.

Fast doppelt so viel Geld wie bisher

In seinem neuen Job wird Rubelt während der nächsten fünf Jahre 2.400 Euro brutto im Monat verdienen. 1.668 Euro netto, gut doppelt so viel, wie ihm bisher für sich und seine Tochter zur Verfügung stand. "Ich bin denen wirklich so dankbar", sagt er. "Ich könnte den ganzen Tag jubelnd durch die Gegend laufen". Wenn Rubelt Rentner wird, das weiß er, wird er ohnehin wieder Hartz IV bekommen. Für eine höhere Rente war er zu lang arbeitslos. Aber in den Jahren bis dahin kann er nun vielleicht ein bisschen Geld verdienen und sich auch mal den ein oder andern Wunsch erfüllen. Eine Flugreise mit der Tochter zum Beispiel – das ist deren größter Traum.

Ähnlich groß wie bei Rubelt ist die Euphorie bei seinem künftigen Arbeitgeber. "Der Olaf ist ein sehr kommunikativer Mensch, jemand der eine Präsenz hat", sagt Juniorchef Markus Reimann. Er und sein Vater hoffen, dass Rubelt ihnen vor allem einen Teil der leidigen Schreibtischarbeit abnehmen wird, die sie oft bis spät abends im Büro festhält. Doch sie haben noch mehr mit ihm vor. Bisher, sagt Reimann Junior, habe man quasi keine Akquise betrieben. Rubelt trauen sie zu, dass er neue Kunden für sie gewinnen kann. Wenn es nach den Reimanns geht, wird das Arbeitsverhältnis auch nicht mit dem Auslaufen der staatlichen Förderung enden. "Wir haben die Absicht ihn hier voll zu integrieren", sagt der Juniorchef.

Das erste halbe Jahr entscheidet

Die staatliche Förderung sieht Reimann vor allem als Hilfe, um eventuelle Anlaufschwierigkeiten zu überstehen. Sie erleichtere es Arbeitgebern, sich für Angestellte zu entscheiden, die man auf eigenes Risiko wohl nicht einstellen würde. Dass die Zusammenarbeit mit Rubelt schwierig werden könnte, fürchtet er jedoch nicht. "Schon vor Beginn seines Arbeitsvertrags kam der Olaf fast täglich vorbei, um über kleine Ideen zu berichten, die er umsetzen will" – das zeige, wie motiviert er sei. Auch dass Rubelt nach den langen Jahren der Arbeitslosigkeit Probleme mit dem frühen Aufstehen haben könnte, erwartet Reimann Junior nicht. Schließlich bringe der seine Tochter seit Jahren pünktlich um acht zur Schule.

Sollte es doch mal schwierig werden, dann gibt es immer noch Brigitte Scheil. Sie arbeitet als Coach beim Jobcenter in Hagen. Eine Stunde Betreuung pro Woche steht jedem Langezeitarbeitslosen zu, der an dem Programm teilnimmt. "Doch das kann auch mal mehr oder weniger sein", sagt Scheil. Der Fall Rubelt-Reimann ist für sie ein Paradebeispiel dafür, wie das Teilhabechancengesetz wirken kann. "Da haben sich der richtige Arbeitgeber und der richtige Arbeitnehmer zum richtigen Zeitpunkt gefunden." Ganz sicher kann man natürlich trotzdem nie sein, dass alles gut geht. Nach Scheils Erfahrung ist meist das erste halbe Jahr entscheidend. Wenn das überstanden sei, gehe es in der Regel auch weiter.