Das größte Gleichstellungsdefizit, aber immerhin auch der größte Fortschritt der vergangenen 13 Jahre, liegt in der Dimension Macht. So sind heute deutlich mehr Frauen in Positionen der Macht – in der Politik oder Wirtschaft – als noch 2005. Aber auch hier hinkt Deutschland hinterher, gerade was die mangelhafte Repräsentation von Frauen im Bundestag oder in den Vorständen von Unternehmen betrifft.

Die meisten Leserinnen und Leser denken jetzt vermutlich, diese fehlende Gleichstellung sei ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Phänomen, beträfe aber auf keinen Fall die eigene Familie.

Und hier liegt vielleicht die schockierendste Botschaft: In mancher Hinsicht hat sich in puncto Gleichstellung innerhalb der Familien am wenigsten getan. Denn bei der Dimension Zeit – wer betreut die Kinder und andere Familienmitglieder, wer erledigt die Hausarbeit – ist die Gleichstellung nicht nur gering, sie ist seit 2005 sogar rückläufig! Das Kümmern besteht aus meist unentgeltlichen Tätigkeiten, die zwar eine hohe soziale Bedeutung haben, aber den Frauen kein Einkommen und damit verbunden keine Sicherheit geben. Nur jeder dritte Mann verbringt mehr als eine Stunde täglich mit Arbeit im Haushalt und in der Familie, dafür verbringen aber deutlich mehr Männer als Frauen Zeit beim Sport und mit Hobbys.

Jede zweite Frau hat sexuelle Belästigung erlebt

Am deprimierendsten sind die Zahlen zur Gewalt gegenüber Frauen. Diese wurden dieses Jahr zum ersten Mal offiziell für Europa erhoben und vorgestellt. Demnach hat jede dritte Frau über 15 Jahre schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren, meist in der Familie. Jede zweite Frau ist Opfer von sexueller Belästigung gewesen.

Vielleicht ist es richtig, dass das 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts in diesem Jahr nicht allzu überschwänglich gefeiert wurde. Denn auch wenn die Politik in den vergangenen Jahren viele wichtige Initiativen angestoßen hat, so scheint der Weg zur wirklichen Gleichstellung von Mann und Frau noch sehr lang und steinig. Ein Grund mehr für die Politik, das neue Jahr mit guten Vorsätzen und doppelter Anstrengung anzugehen.