Über später denkt sie nicht so gerne nach. Obwohl Brigitte Weber sonst sehr vieles plant und sehr überlegt handelt. Aber das Altsein wird in dieser Stadt hart, das ahnt Weber schon. Sie geht auf die 50 zu, hat noch knapp 20 Jahre bis zur Rente und heißt in Wirklichkeit anders. Sie will aber nicht mit richtigem Namen in den Medien stehen, zwei Dinge machen ihr Sorgen: Sie ist Angestellte in der Pharmabranche und verdient gut, aber nicht gerade übermäßig. Wenn alles glatt läuft, bekommt sie in etwa 1.000 Euro Rente, sagt ihr Rentenbescheid. Das ist ungefähr so viel, wie sie jetzt für ihre Zweizimmerwohnung in München bezahlt. Und die Mieten werden steigen in den kommenden 20 Jahren. Wird sie sich diese Stadt, in der sie seit 20 Jahren lebt, als Rentnerin überhaupt noch leisten können?

Viele Bürgerinnen und Bürger müssten sich diese Frage stellen, besonders in den Großstädten, findet Matthias Günther: "Deutschland steht ein Alterswohnproblem bevor. Die Entwicklung wird einem Großteil der Seniorenhaushalte in Deutschland zu schaffen machen", warnt der Vorstand des Pestel-Instituts in Hannover. Das Institut wurde vom einstigen niedersächsischen Wissenschaftsminister Eduard Pestel gegründet und hat sich auf die Erstellung von Szenarien für den Wohnungsmarkt spezialisiert. Sein neuestes Szenario sieht so aus: Weil die Renten künftig schrumpfen, die Wohnkosten dagegen steigen, müssten eigentlich massenhaft Senioren in kleinere Wohnungen umziehen. "Aber genau davon gibt es viel zu wenige", sagt der Ökonom Günther. Und vor allem gebe es noch weniger seniorengerechte Wohnungen, bundesweit nämlich nur 700.000. Etwa drei Millionen altersgerechte Wohnungen fehlten auf absehbare Zeit, beziffert das Pestel-Institut. Zu dieser Zahl kam schon das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seinen Studien. Günther sagt es so: "Deutschland steuert sehenden Auges auf die graue Wohnungsnot zu."

Das Statistische Bundesamt hat hochgerechnet, dass bis zum Jahr 2035 deutlich mehr Menschen leben, die über 65 Jahre alt sind: etwa 24 Millionen Bürger. Das wären sechs Millionen mehr Rentner als jetzt, weil die geburtenstarken Jahrgänge bis dahin in Rente gehen. Zudem werden wohl viele davon keine 45 Jahre durchgängig gearbeitet oder wegen befristeter Arbeitsverhältnisse und prekärer Jobs kaum privat vorgesorgt haben, sagt der Ökonom Günther. Dazu kommen Geringverdiener und Mindestlöhner. "Doch selbst für Akademiker wird es schwer, wenn sie erst mit 30 im Beruf angefangen haben und einige Jahre in Teilzeit beschäftigt waren", sagt Günther.

Hälfte der Wohngeldempfänger sind Senioren

Es werde viel mehr Rentner geben, bei denen das Geld kaum zum Wohnen reicht, warnt das Pestel-Institut: "Aktuell bekommen drei Prozent der Rentner Grundsicherung vom Staat. In den kommenden 20 Jahren wird dieser Anteil auf 25 bis 35 Prozent steigen. Es wird finanziell eng, das betrifft vor allem das Wohnen." Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Metastudie des Instituts für Bauforschung, für die 2014 diverse Forschungsarbeiten ausgewertet wurden: "Die gegenläufige Entwicklung der Einkommen und Wohnkosten sowie zusätzliche Kosten für Serviceleistungen und Pflege werden langfristig zu einer Verschlechterung der Lebenssituation der älteren Bevölkerung führen." Und schon jetzt stellen Rentner laut offiziellen Zahlen etwa die Hälfte der Wohngeldempfänger. 271.000 Senioren bekommen vom Staat im Schnitt 104 Euro dazu bezahlt, damit ihr Geld für die Miete reicht. Darauf hätten viel mehr Ruheständler einen Anspruch, doch viele wüssten das gar nicht oder scheuten aus Scham den Gang zum Amt, sagen Ökonomen.

Droht also künftig nicht nur die große Altersarmut, sondern auch noch die Rentner-Wohnungsnot? Der Immobilienökonom Ralph Henger vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht es nicht so düster: "Die Mieten steigen zwar, aber wir sehen in den Zahlen auch, dass die Bestandsmieten weitaus langsamer ansteigen als die Neumieten. Und gerade die Älteren ziehen ja nicht mehr um." Tatsächlich besitzen deutsche Ruheständler laut Umfragen eine enorme Verharrungskraft: Ein Drittel der Rentner wohnt demnach seit rund 30 Jahren in seiner Wohnung. Ein weiteres Drittel 30 bis 50 Jahre und jeder Zehnte sogar länger. "Zwei Drittel aller Wohnungen werden von Privatvermietern angeboten und die wenigsten davon erhöhen die Miete in laufenden Verträgen, oft tun sie es nur beim Mieterwechsel. Deshalb sind die Wohnbelastungsquoten zwar insgesamt gestiegen", sagt Henger, "aber gar nicht so dramatisch."

Im Schnitt, zeigt eine Befragung von TNS Emnid, geben heutige Großstadtrentner 630 Euro für Miete aus. Bundesweit liegt der Anteil, den Miethaushalte vom Netto für das Wohnen aufbringen, bei 25 bis 31 Prozent, belegen Zahlen des Statistischen Bundesamts von 2016. In Großstädten ist die Quote aber höher, und je niedriger das Einkommen – was besonders auf Rentner zutrifft –, desto eher liegt die Quote bei mehr als 40 Prozent. Unproblematisch sind die hohen Mieten also schon jetzt nicht.

Zudem seien die rasant steigenden Neumieten definitiv ein Problem für den Wohnungsmarkt, sagt Henger, denn sie führen zum Lock-in-Effekt, so nennen Ökonomen folgendes Phänomen: Ein Münchner Rentner, der wegen seines Uraltmietvertrags noch 630 Euro für eine 120-Quadratmeter-Wohnung in Schwabing zahlt, wird kaum umziehen, wenn heute jedes 30-Quadratmeter-Apartment am Stadtrand genauso viel kostet und Zweizimmerwohnungen kaum unter 1.000 Euro zu bekommen sind. Auch Brigitte Weber wird ihre 70 Quadratmeter nicht aufgeben – mehr als die Hälfte der aktuell angebotenen 50-Quadratmeter-Wohungen kosten jetzt schon rund 1.300 Euro kalt. Das sind ungefähr 1.500 Euro warm.