Das Angebot klingt attraktiv, vor allem in Zeiten rasant steigender Mieten: Wer selbst für seinen Lebensunterhalt sorgt, aber nur wenig Geld verdient und davon eine hohe Miete bestreiten muss, erhält einen Zuschuss vom Staat. Einfach so. Jeden Monat können das mehrere Hundert Euro sein. Wohngeld heißt diese Sozialleistung, die sich Deutschland seit Mitte der Sechzigerjahre leistet.

Doch obwohl die Mieten rasant steigen, erhält nur jeder Dritte, der Anspruch darauf hätte, Wohngeld, schätzen Wirtschaftsforscherinnen und -forscher. Nur 1,4 Prozent aller Haushalte beziehen es nach Angaben des Statistischen Bundesamts derzeit, Tendenz sinkend. Und gerade in teuren Großstädten ist der Anteil noch einmal geringer: In München zum Beispiel bezogen 2017 gerade einmal 0,4 Prozent der Haushalte diesen Zuschuss, heißt es vom Statistischen Landesamt. Im Vergleich zu 2016 ist die Zahl der Bezieher sogar gesunken. In Köln, Berlin und Düsseldorf wiesen die Statistiken rund 1,2 Prozent Empfängerhaushalte aus. Obwohl gerade in den Metropolen viele Rentner, Auszubildende, Alleinerziehende oder Kinderreiche Probleme haben, mit ihren Einkommen über die Runden zu kommen, erreicht sie der Zuschuss nicht.

Fast alle führenden Ökonomen bezeichnen das Wohngeld als sinnvolle Förderung für Geringverdiener. Auch der Sachverständigenrat der Wirtschaft, ein Beratergremium der Bundesregierung, unterstützt das Wohngeld, weil es weder Mieten noch die Strukturen von Angebot und Nachfrage verfälsche – im Unterschied zur Mietpreisbremse. Warum aber nutzen so wenige Haushalte in Deutschland das Wohngeld? Selbst Ökonomen, die sich seit Jahren mit dem Thema befassen, rätseln darüber. ZEIT ONLINE hat die wichtigsten Gründe zusammengetragen, warum eine sinnvolle Leistung bislang auf so wenig Interesse stößt:

Viele kennen ihren Anspruch nicht

Ralph Henger vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kennt die Wohnungspolitik und den Immobilienmarkt bis ins Detail. Aber warum die Zahl der Wohngeldempfänger in Großstädten so klein ist, darüber kann er nur spekulieren: "Ich denke, die Berechtigten wissen oft nicht, dass sie Ansprüche anmelden könnten. Und viele empfinden sich auch nicht als bedürftig, wie wir aus Projekten wissen." Schließlich richtet sich das Extrageld an jene, die grundsätzlich ohne Staatshilfe auskommen – aber eben schlecht.

Als Alleinverdiener in der höchsten Mietstufe kann man selbst mit rund 1.500 Euro Bruttoeinkommen noch Wohngeld bekommen. Das gilt auch für Eigentümerinnen, die Probleme haben, den Unterhalt für ihre Immobilien zu schultern, weil sich ihre finanzielle Lage verschlechtert hat. Aber wer weiß das schon?

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Wohngeld wird mit Hartz-IV-Leistungen verwechselt

Viele Empfangsberechtigte glauben, dass sie bei einem Wohngeldantrag der Behörde ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen müssen und sogar zum Umzug gezwungen werden können. Schließlich haben viele von den Regeln gehört, wonach der Staat nur dann fürs Wohnen aufkommt, wenn die Wohnung eine bestimmte Größe nicht überschreitet und eine gewisse Miethöhe ebenfalls nicht.

Diese Regeln gelten aber nicht fürs Wohngeld, sondern für die sogenannt Kostenübernahme der Unterkunft, die Empfängerinnen und Empfänger von Grundsicherung im Alter oder Hartz-IV-Empfänger betrifft. Oft wird die Kostenübernahme fälschlicherweise Wohngeld genannt, obwohl sie etwas völlig anderes ist. Diese Begriffsvermengung könnte dazu beitragen, dass die Zahl der Wohngeldempfänger so klein ist. Ältere würden sich außerdem oft auch schämen, den Antrag zu stellen, vermutet Ökonom Henger. Denn wer will schon am Ende des Lebens zugeben, dass er ohne Hilfe nicht einmal seine Wohnung finanzieren kann?

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Der Antrag gilt als kompliziert

Viele Ratgeber im Internet behaupten, der Antrag auf Wohngeld sei kompliziert. Dabei zählen auf dem mehrseitigen Formular im Grunde nur drei Zahlen: die Höhe des Einkommens, die Miethöhe und die Personenzahl im Haushalt. Gerade älteren Menschen oder Rentnerinnen und Rentnern kommt das entgegen. Entsprechend können sich die städtischen Wohngeldämter auch nicht über zu wenige Anträge beklagen. Das Interesse ist zwar da, aber nicht jeder Antragsteller ist berechtigt: "Zurzeit bekommen wir viele Anträge, katastrophal viele", sagt eine Sachbearbeiterin der Wohngeldstelle in München, "aber sehr oft von Menschen, denen gar kein Wohngeld zusteht: von Selbstständigen, die über den Einkommensgrenzen liegen, oder von Studenten, die Bafög beziehen. Das hält uns natürlich auf."

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Wohngeld ist für manche den Aufwand nicht wert

Generell sind es vorwiegend Alleinlebende, die Wohngeld bekommen. Denn Einpersonenhaushalte mit kleinem Einkommen haben es besonders schwer, die Mieten zu bezahlen. Manchmal wäre der Wohngeldzuschuss allerdings so klein, dass sich der Antrag kaum lohnt: Im Bundesschnitt werden zwar 154 Euro pro Haushalt gezahlt, in München knapp 200 Euro. Aber bei rund 1.500 Euro Verdienst und 700 Euro Mietkosten gibt es in teuren Städten nur rund 24 Euro dazu. Ein Rentner mit 1.100 Euro und Mietkosten von mehr als 522 Euro bekäme 30 Euro. "Dafür gehen die wenigsten zum Amt", sagt IW-Forscher Henger.

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Die Bestandsmieten steigen nur langsam

Selbst in Metropolen mit besonders stark steigenden Mieten sind die tatsächlichen Bewilligungszahlen bislang überschaubar. Der Grund: Anders als bei Neuvermietungen sind die Bestandsmieten bislang noch relativ stabil. "Die Bestandsmieten haben noch längst nicht in dem Maße nachgezogen", sagt Immobilienökonom Henger. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass mittelfristig auch die Bestandsmieten steigen – und damit auch die finanzielle Belastung der Mieter.

Rund sieben Euro pro Quadratmeter nennt das IW als Metropolendurchschnitt für Altverträge. Das sind 420 Euro für eine 60-Quadratmeter-Wohnung. Und tatsächlich zahlen viele Wohngeldempfänger selbst in den teuersten Städten derzeit eine Miete von 420 Euro im Einpersonenhaushalt, Paare rund 555 Euro. Zahlt ein Empfänger weniger Miete als die maximale Miethöhe für das Wohngeld, fällt das Wohngeld anteilsmäßig gering aus. Liegt seine tatsächliche Miete dagegen über der Grenze, bezahlt das Amt dennoch nur einen bestimmten Wohngeldsatz.

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Viele Rentner verdienen sich etwas dazu

Knapp die Hälfte derer, die Wohngeld beziehen, sind Rentnerinnen und Rentner. In den Großstädten wohnen zwar überproportional viele mit sehr kleinen Renten, sagt die Statistik. Dennoch reißen viele die Einkommensgrenze fürs Wohngeld. Denn ein großer  Anteil der Ruheständler muss weiterarbeiten, um in den Städten über die Runden zu kommen. Rund 18 Prozent der Rentner arbeiten in Bayern weit über das Alter von 70 Jahren hinaus, zeigen Zahlen des Statistischen Landesamts. Oft verdienen sie sich mit Minijobs das nötige Geld für die teure Wohnung hinzu – und verlieren so den Anspruch auf Wohngeld. Matthias Günther vom Pestel Institut drückt es so aus: "München gehört zu den Städten, in denen man arbeiten muss, wenn man dort wohnen will. Es geht gar nicht anders."

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Ältere verlassen die Metropolen

Bevölkerungsforscherinnen beobachten, dass gerade Ältere wegziehen, wenn ihnen die Stadt zu teuer wird. Verrechnet man die Abwanderung mit dem Zuzug, haben in den vergangenen zehn Jahren unterm Strich 120.000 Senioren die Metropolen verlassen. "Die genauen Ursachen für den Auszug der Senioren sind noch nicht belegt, aber aus Umfragen wissen wir, dass immer weniger Ältere bereit sind, die hohen Mietpreise zu zahlen", sagt IW-Forscher Henger. "Oder sie möchten sich flächenmäßig verkleinern, aber finden nicht die Wohnung, die sie brauchen." Vielleicht sucht man Geringverdiener bald vergeblich in den Städten. Und Wohngeldbezieherinnen damit auch. Die Mieten und Kaufpreise steigen jedenfalls erst einmal weiter.

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