Die britische Premierministerin Theresa May ist am Donnerstag in Brüssel. Nachdem ihr Parlament den Brexit-Austrittsvertrag abgelehnt hat, will sie noch einmal mit der EU nachverhandeln. Dabei hat diese Änderungen am Vertrag mehrfach ausgeschlossen.

Die Zeit drängt: In weniger als acht Wochen scheidet Großbritannien aus der EU aus. Ein harter Brexit mit unberechenbaren Folgen wird mit jedem Tag wahrscheinlicher. Trotzdem scheinen beide Verhandlungspartner nicht zu weiteren Kompromissen bereit. Warum die Akteure sich so stur verhalten und wozu das führen kann, lässt sich mit der Spieltheorie erklären. Der Soziologe Andreas Diekmann ist das Szenario mit uns durchgegangen.

ZEIT ONLINE: Herr Diekmann, kann uns die Spieltheorie helfen, die festgefahrene Situation zwischen der EU und Großbritannien zu verstehen?

Andreas Diekmann: Wir können uns die EU und Großbritannien als zwei Autos vorstellen, die aufeinander zurasen. Der drohende Zusammenstoß ist der harte Brexit. Den will keiner, aber genauso will keiner nachgeben und ausweichen. Stattdessen hofft man darauf, dass der andere die Entschlossenheit seines Gegenübers erkennt und ausweicht. In der Spieltheorie heißt dieses Modell Chicken Game: Wer ausweicht, ist das chicken, also der Feigling – im tatsächlichen Leben aber wohl eher der Vernünftige. Denn wenn keiner ausweicht, sind beide tot. Die Kubakrise ist ein Beispiel aus der Politikgeschichte, das sich ebenfalls mit dem Chicken Game gut veranschaulichen lässt.

ZEIT ONLINE: Die EU ist aber wirtschaftlich deutlich stärker, sie würde ein harter Brexit nicht so schwer treffen wie Großbritannien.

Diekmann: Richtig. Deshalb muss man das Modell verfeinern: Die EU fährt eine Limousine, Großbritannien einen Mini. Die Kollision wäre für das Königreich also deutlich schmerzhafter. Man sieht in den bisherigen Verhandlungen auch, dass die EU diese Position des Stärkeren ausnutzt und kaum nachgibt.

ZEIT ONLINE: Kann man die EU und Großbritannien auch als Personen sehen? Zwischen Premierministerin Theresa May und dem britischen Parlament gibt es große Differenzen. Auch die EU-Staaten sprechen sonst selten mit einer Stimme.

Diekmann: Genau, in beiden Autos sitzen jeweils mehrere Akteure. Die EU zeigt sich aber erstaunlich einig. Selbst die üblichen Rebellen wie Polen, Italien und Ungarn ziehen mit. Der EU-Verhandlungsführer Michel Barnier hat das Lenkrad deshalb fest in der Hand. Allerdings sind in der Limousine nicht alle gleich sicher. Das gilt besonders für Irland, das quasi der Beifahrer ist. Es würde bei einer Kollision schwer getroffen, weil es bei einem harten Brexit zu Kontrollen an der Grenze zu Nordirland käme, was den Frieden dort gefährden könnte. Die Gefahr besteht aber auch, wenn die EU die Backstop-Regelung abschwächt. Deshalb will Irland zwar einerseits vermeiden, dass die EU nachgibt, andererseits aber auch den Zusammenstoß.

ZEIT ONLINE: Und wer sitzt im britischen Mini am Steuer?

Diekmann: Das weiß man nicht. Es streiten sich verschiedene Akteure darum, in welche Richtung der Wagen fahren soll. Wer sich am Ende durchsetzt, ist völlig unklar.