Der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, hat die Reformpläne der SPD für den Sozialstaat kritisiert. Vor allem, dass die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I für ältere Arbeitnehmer auf fast drei Jahre ausgedehnt werden soll, stört Schmidt. Die Partei schicke sich an, "das arbeitsmarkt- und rentenpolitische Rad wieder zurückzudrehen", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage der Süddeutschen Zeitung.

Die "lange Bezugsdauer von Arbeitslosengeld" sei "ein Problem" gewesen, das mit den Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 überwunden worden sei, sagte Schmidt. Bis dahin sei das allzu häufig als eine recht auskömmliche Brücke in die Rente missbraucht worden. Für eine alternde Gesellschaft sei dies aber der falsche Weg. "Mir scheint, dass die schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit mittlerweile völlig in Vergessenheit geraten sind, als die Wirtschaftspolitik noch verzweifelt nach Wegen gesucht hat, einen gewaltigen Sockel an Langzeitarbeitslosigkeit abzubauen", sagte Schmidt.

Der Wirtschaftsexperte kritisierte außerdem das sogenannte Arbeitslosengeld Q und das Vorhaben, den Mindestlohn auf zwölf Euro zu erhöhen. "Die vergangenen Jahre waren eine Phase günstiger konjunktureller Bedingungen, das muss aber nicht so bleiben." Die Einschätzung, selbst bei einer Höhe von zwölf Euro gäbe es keine negativen Wirkungen, könne er "angesichts der Wirkung von Lohnerhöhungen auf Beschäftigung nicht nachvollziehen – gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht".

Die SPD hatte am Sonntag ein Sozialstaatskonzept beschlossen, dass unter anderem ein neues Bürgergeld statt des umstrittenen Hartz-IV-Systems sowie längere Bezugsmöglichkeiten für das Arbeitslosengeld I vorsieht. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will zudem Pläne für eine Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung durchsetzten. Die Koalitionspartner von CDU und CSU warnen bereits vor einem zu scharfen Linkskurs der Sozialdemokraten.