Donough Kilmurray leitet für Goldman Sachs die Abteilung für Anlagestrategie in London. Er verantwortet die Vermögensberatung für private Kunden in Europa, im Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika und Asien.

ZEIT ONLINE: In nahezu allen großen Industrienationen geht die Angst vor einem Wirtschaftsabschwung um, auch in Deutschland. Was kann ich als privater Anleger in einer solchen Lage überhaupt tun?

Donough Kilmurray: Gerade als Privatanleger ist es sehr schwierig, vorherzusagen, wann ein Abschwung wirklich kommt. Auch wenn es wichtig ist, sich die konjunkturelle Entwicklung anzusehen, sollte man Investitionsentscheidungen nicht allein davon abhängig machen. Wir glauben auch nicht, dass jetzt eine Phase der Rezession beginnt, aber das globale Wachstum dürfte zurückgehen. Das spiegelt sich in unseren Renditeerwartungen. Es wäre aber verfrüht, jetzt aus Aktien auszusteigen. Wir empfehlen Privatanlegern vielmehr, ihre Portfolios gut zu diversifizieren und auch in qualitativ hochwertige Anleihen zu investieren. Dann kann ein Portfolio selbst großen Schwankungen widerstehen. Für eine Rezession fehlen aber die typischen Anzeichen.

ZEIT ONLINE: Wieso, wir haben doch schon einige Vorboten davon gesehen?

Kilmurray: Ende letzten Jahres waren viele Anleger verunsichert, weil die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen zum vierten Mal im Jahr 2018 angehoben hatte und auch die Renditen auf US-Staatsanleihen stark gestiegen waren. Das können Anzeichen für eine Überhitzung der Wirtschaft sein und so wurde es auch gedeutet. Unserer Ansicht nach waren die Sorgen aber übertrieben. Nehmen wir als Beispiel die Beschäftigungslage in Europa und den USA. Die ist zwar sehr gut, aber die Inflation ist bisher nicht stark gestiegen, was ein Zeichen dafür wäre, dass der Konjunkturzyklus an sein Ende gelangt.

ZEIT ONLINE: Die Arbeitslosigkeit ist gering, die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt. Damit hätten Beschäftigte doch die Möglichkeit, mehr Lohn zu verlangen. Warum steigt die Inflation trotzdem nur langsam?

Kilmurray: Als die Arbeitslosenquote zuletzt in den USA in den Neunzigerjahren und davor in den späten Sechzigerjahren unter vier Prozent lag, stiegen die Gehälter im Land schnell und damit auch die Inflation. Dieser Zusammenhang besteht heute nicht mehr so direkt. Der Arbeitsmarkt ist viel flexibler geworden. Besonders in der sogenannten Plattformökonomie haben es die Beschäftigten schwer, höhere Löhne einzufordern.

ZEIT ONLINE: Einen Abschwung können aber auch andere Faktoren herbeiführen, die man nicht unbedingt vorhersieht.

Kilmurray: Natürlich kann ein exogener Schock auch zu einer Rezession führen. Das war zum Beispiel der Fall, als der Ölpreis in den Siebzigerjahren sehr schnell stieg. Im Moment aber haben wir ein Überangebot an Öl auf dem Weltmarkt. Auch politische Risiken wie die Handelsspannungen zwischen den USA und China, die Lage in Nordkorea oder im Nahen Ost könnten sich verschärfen. Doch auch hier zeichnen sich wenige konkrete Gefahren ab, die kurz- oder mittelfristig eine Rezession auslösen würden.

ZEIT ONLINE: Andere fürchten die immer noch hohen Schulden, etwa in den USA.

Kilmurray: Das stimmt. Auch große Ungleichgewichte in der Wirtschaft oder an den Finanzmärkten haben in der Vergangenheit zu einer Rezession geführt. Doch auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt mehr Schulden in der Wirtschaft sind als noch vor zehn Jahren, haben sich diese nicht so stark bei den Verbrauchern und den Unternehmen angehäuft, sondern vor allem in Staaten wie China und Japan. In den USA sind die Schulden in den privaten Haushalten gesunken, die Unternehmensschulden sind ungefähr auf dem Niveau wie vor der Krise. Die Staatsschulden sind aber gestiegen. Wenn jedoch eine Regierung auf der Welt mit höheren Staatsschulden zurechtkommt, dann die der USA.

ZEIT ONLINE: Moment mal, gerade wenn es um die US-Führung und Präsident Donald Trump geht, verlieren viele Menschen das Vertrauen. Die Regierung sucht ja geradezu den Konflikt mit den eigenen Institutionen und dem Ausland.

Kilmurray: An den Märkten ist man in der Tat besorgt, dass das Weiße Haus zu viel Druck auf die Geldpolitik der US-Notenbank ausüben könnte. Immerhin ist sie die einflussreichste Zentralbank der Welt. Ein Blick zurück in die US-Geschichte zeigt jedoch, dass auch Präsidenten vor Donald Trump – etwa Truman, Nixon und Reagan – versucht haben, die Fed zu beeinflussen. Sie alle hatten nur mäßigen Erfolg. Auch dass ein US-Präsident neue Handelszölle erhebt, ist nicht ungewöhnlich. Das haben andere US-Regierungen zuvor genauso getan.