Arbeitsmarkt - Wirtschaft auf Einwanderung angewiesen Einer Studie zufolge sind deutsche Unternehmen auf die Zuwanderung von rund 260.000 Menschen pro Jahr angewiesen. Nur so lasse sich der Bedarf an Fachkräften decken. © Foto: Sven Hoppe/dpa

Der deutsche Arbeitsmarkt braucht einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge mittel- und langfristig jedes Jahr mindestens 260.000 Zuwanderinnen und Zuwanderer. Angesichts der alternden Gesellschaft werde die Zahl der Arbeitskräfte ohne Migration bis zum Jahr 2060 um rund 16 Millionen Personen schrumpfen, also fast um ein Drittel.

Eine höhere Geburtenrate sowie eine steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern sind in der Berechnung bereits berücksichtigt, heißt es der Studie: "Selbst wenn Männer und Frauen gleichviel arbeiteten und in Deutschland eine Rente mit 70 eingeführt würde, könnte der Fachkräftebedarf nicht mit inländischen Mitteln gedeckt werden."

Die Einwanderung aus anderen EU-Ländern wird der Studie zufolge im Vergleich zu den vergangenen Jahren abnehmen. Da sich Wirtschaftskraft und Lebensqualität in den EU-Ländern annäherten, sinke voraussichtlich der Reiz, sich einen Job in Deutschland zu suchen. Gleichzeitig wachse folglich der Bedarf an Immigranten aus Drittstaaten: Bis 2035 benötige der deutsche Arbeitsmarkt jährlich fast 98.000 Menschen, zwischen 2036 und 2050 dann alljährlich nahezu 170.000 und zwischen 2051 und 2060 schließlich beinahe 200.000 Zuwanderinnen und Zuwanderer aus Nicht-EU-Ländern.

"Heute wandern noch viel zu wenig Fachkräfte aus Drittstaaten nach Deutschland ein", erklärte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. "Das Einwanderungsgesetz sollte schnell verabschiedet werden." Ein Gesetz allein reiche aber nicht. "Migration und Integration sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", sagte Dräger.

Qualifikation von Migrantinnen noch ausbaufähig

Derzeit arbeiteten zugewanderte Migrantinnen und Migranten vergleichsweise häufig in Hilfspositionen. Anstellungen als Fachkraft oder Spezialistin sind der Studie zufolge seltener. Im Jahr 2017 etwa konnten von 60.000 Personen, die aus Nicht-EU-Ländern zur Arbeit einreisten, rund 23.000 keine Berufsausbildung vorweisen. "Hinsichtlich der Qualifikation der Migranten wäre also noch einiges zu leisten", schreiben die Autoren der Studie. Die Einwanderung von Arbeitskräften, die nicht zu den offenen Stellen passten, könne "zweierlei Verlierer produzieren": Von dieser Art der Zuwanderung profitierten weder die Unternehmen, noch die Migrantinnen und Migranten.

Keinen großen Effekt auf den Bedarf an Arbeitskräften hat laut Dräger die Digitalisierung: Entgegen der verbreiteten Annahme senke die Digitalisierung die Zahl der Jobs nicht. Viel eher führe sie zu einer qualitativen Verschiebung. Die Nachfrage nach Expertinnen und Experten – nach Technikern, Meistern und Akademikern – werde steigen.