"Alle 38 Stunden schließt in Deutschland eine Apotheke. Für immer" steht auf dem Plakat, das gut sichtbar im Eingangsbereich einer Apotheke im Berliner Stadtteil Adlershof hängt. Aber kann das stimmen? Allein an dieser Hauptstraße findet man auf einem Abschnitt von vielleicht tausend Metern fünf Apotheken.

Anders sieht es im knapp 3.000 Einwohner großen Celler Stadtteil Vorwerk aus. Hier schloss Ende vergangenen Jahres die letzte Apotheke. Die 69-jährige Besitzerin hatte mehrere Jahre lang vergeblich nach einem Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht. Dabei war ihr Geschäft wirtschaftlich profitabel. Jetzt müssen sich die Menschen aus Vorwerk ihre Medikamente mehrere Kilometer entfernt oder im Internet besorgen.

Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Situation der Apotheken je nach Standort sein kann. Die Branchenverbände aber beklagen ein allgemeines "Apothekensterben". Als wichtigste Ursachen nennen sie die Konkurrenz durch den Versandhandel und angeblich zu niedrige Honorare. Richtig daran ist: Apotheken haben überall Probleme – aber aus ganz unterschiedlichen Gründen. In den Großstädten ist das Geschäft hart, weil viele Betriebe einander auf engem Raum Konkurrenz machen. In strukturschwachen Regionen auf dem Land hingegen sieht es ganz anders aus. "Wenn da der Landarzt aufgibt, ist das oft auch das Ende der Apotheke", sagt der Wettbewerbsökonom Justus Haucap. Dann bleibt den Patientinnen und Patienten oft nur der Einkauf im Internet.

Onlineapotheken als Bedrohung

Haucap untersuchte 2011 im Auftrag der wirtschaftsliberalen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, ob mehr Wettbewerb zwischen den Apotheken die Versorgung mit Medikamenten beeinträchtigen würde. Schon damals gab es die Sorge, zu viele Apotheken könnten in Bedrängnis geraten. Schon damals sahen die Apothekerverbände den Versandhandel als Bedrohung.

Doch der Ökonom kam zu dem Ergebnis, dass es das viel beschworene Apothekensterben nicht gebe und mehr Wettbewerb die Medikamentenversorgung nicht gefährde, denn gerade auf dem Land könne der Versandhandel die Lücke füllen, die entstehe, wenn die letzte Apotheke schließt. Schon 2011, sagt Haucap, hatte diese Lücke aber mehr mit dem demografischen Wandel und dem Sterben der Dörfer zu tun als mit der Konkurrenz aus dem Internet.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Ende 2017 ein Gutachten im Auftrag des Wirtschaftsministeriums. Seine Verfasser befanden, gerade in strukturschwachen ländlichen Regionen, wo die nächste Apotheke weit sein könne, brauche man den Versandhandel. Sie stellten aber auch fest, dass es tatsächlich fast jeder zweiten niedergelassenen Apotheke wirtschaftlich schlecht geht. Für rund 7.600 Betriebe sahen sie kaum eine Zukunft. An der Konkurrenz aus dem Internet aber liegt das laut der Studie nicht – sondern in den Städten an der Konkurrenz zu vieler Läden untereinander und auf dem Land an der Tatsache, dass im Einzugsgebiet einer Apotheke zu wenige Menschen leben.

Zu hohe Honorare – einerseits

Das Gutachten beschäftigte sich auch mit der Höhe der Honorare und kam zu überraschenden Ergebnissen. Demnach verdienen die Apotheken am Verkauf verschreibungspflichtiger Medikamente, deren Margen relativ hoch sind, zu viel. Andere Leistungen wie Nacht- und Notdienste aber seien zu schlecht bezahlt. Für jede Arzneipackung, die während dieser Dienste herausgegeben wird, erhalten die Apotheken einen Aufschlag von 16 Cent. Die Autoren der Studie schlugen vor, das System neu zu strukturieren. Sie sahen ein Einsparpotenzial von 1,1 Milliarden Euro.

Überspitzt gesagt bedeutet das: Durch eine neue Vergütungsordnung könnte sich die Branche gesundschrumpfen, der Internethandel aber würde in Zukunft eine noch wichtigere Rolle in der Versorgung mit Medikamenten einnehmen. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), in der die deutschen Apothekerkammern und -verbände zusammengeschlossen sind, kritisiert die Untersuchung als methodisch unhaltbar. Sie kommentiert die Ergebnisse nicht. 

Eine Apotheke versorgt heute rein statistisch 4.000 Menschen mit Arzneimitteln. Für einen wirtschaftlichen Betrieb sind der ABDA zufolge 3.000 bis 4.000 Kunden nötig. Laut Verband sinkt die Zahl der Apotheken derzeit um ein bis zwei Prozent im Jahr. Ende 2017 gab es demnach exakt 19.748 Apotheken und damit erstmals weniger als im Jahr 1990. In der Zeit dazwischen schwankte die Zahl der Betriebe nur geringfügig. Die Zahlen belegen das vermeintliche Apothekensterben also nicht (siehe Infografik)

Doch ein ABDA-Sprecher sagt: Wenn es so weitergehe, dann steuere Deutschland auf eine Situation zu, in der die Versorgung mit Medikamenten nicht mehr überall sichergestellt sei. Und als größte Bedrohung sieht der Verband nach wie vor die Versandapotheken aus dem EU-Ausland. Die Branche sei durch sie erheblich unter Druck geraten.

Der Apothekergenossenschaft Noweda war das jene bundesweite Kampagne wert, deren Plakate auch in Berlin-Adlershof hingen. Abgelöst wurde sie mittlerweile von der Imagekampagne "einfach unverzichtbar", hinter der die ABDA steht. Nicht nur in Apotheken, auch an Bahnhöfen und vielen öffentliche Stellen hängen seit einigen Monaten Plakate, die auf die Bedeutung der Apotheken vor Ort aufmerksam machen sollen – etwa für Eltern kleiner Kinder und für Analphabeten, die ihre Medikamente womöglich nicht ohne Weiteres im Netz bestellen können. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister unterstützen die Kampagne.