Kirsty Sharp gehört zu den vielen an sich gut gelaunten Menschen, die man derzeit in Frankfurt am Main treffen kann. Die Schulleiterin des privaten King's College freut sich, dass die erste rein britische Schule in der Region Frankfurt einen guten Start hatte. Vor einem Jahr haben Sharp und die anderen Lehrerinnen und Lehrer im Vorort Friedrichsdorf ein frisch renoviertes Schulgebäude bezogen, im Foyer steht ein Klettersofa aus Holz, das einem Londoner Doppeldeckerbus nachempfunden ist. Die Schülerzahlen steigen. Doch über einen der Gründe dafür kann sich Sharp nicht so recht freuen. Den Brexit.

"Die Anfragen aus Großbritannien nehmen zu", sagt Sharp. "Wir haben die Schule schon einigen Agenturen gezeigt, die für Banken und Unternehmen den Umzug von Mitarbeitern organisieren." Sharp lächelt viel und ruckelt gleichzeitig mit ihrem Drehstuhl hin und her. "Viele Unternehmen sagen ihren Mitarbeitern: Wenn es passiert, musst du umziehen." Das Schlimmste für die Familien sei die Ungewissheit: Verlässt Großbritannien am 29. März die Europäische Union? Und wenn ja, mit oder ohne Abkommen? Oder dauert alles doch länger?

Sie habe inzwischen aufgehört, sagt die Schulleiterin, die Debatten im Londoner Unterhaus live zu verfolgen. Diese Woche steht wieder eine dieser – wie das Parlament sie nennt – "bedeutenden Abstimmungen" an. Noch einmal sollen die Abgeordneten über den Vertrag entscheiden, den Premierminister Theresa May mit der EU verhandelt hat. Sollte das Abkommen erneut abgelehnt werden, könnte das Parlament danach für einen Austritt ohne Deal stimmen, also für den sogenannten harten Brexit. Oder doch für eine Verlängerung der Frist bis zum Austritt.

"Wir sind alle Briten", sagt die Schulleiterin. Ein No-Deal-Szenario hätte für Kirsty und ihr gesamtes Kollegium persönliche Konsequenzen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien bereits Anträge auf eine Aufenthaltsgenehmigung bei den deutschen Behörden gestellt worden. Sollte es zu einem harten Brexit kommen, hätten sie drei Monate Zeit, bis die Anträge genehmigt sein müssen. "Aber das sind nur Formalitäten", schiebt sie hinterher, und es klingt ein bisschen so, als wolle sie sich selbst beruhigen.

Die alte Dorfstraße vor dem Schulgebäude steigt bis zur Kirche sanft an, die Hügel des nahen Taunusgebirges ziehen sich durch die Ortschaft und die umliegenden Gemeinden: Kronberg, Königstein, Bad Homburg – hier wohnen seit Jahrzehnten die Menschen, die in den Frankfurter Bürotürmen viel Geld verdienen. Sie geben es zum Beispiel für Privatschulen wie das King's College aus, das eine Wette auf die Zukunft Frankfurts eingegangen ist. Die Stadt erlebt schon seit einigen Jahren einen Boom, die Bevölkerung wächst, die Wirtschaft auch. Aber seit sich Großbritannien für den Brexit entschieden hat, erwarten viele einen zusätzlichen Schub für die deutsche Finanzmetropole.

Platz ist nur noch in einem Turm

Die Laune von Markus Kullmann ist angesichts der Entwicklungen der vergangenen Jahre ungetrübt gut. Er zeichnet einen Zeitstrahl auf ein weißes Blatt Papier. "Das hier", sagt er und deutet auf den Anfangspunkt, "war der Sommer des Jahres 2016, als in Großbritannien das Referendum abgehalten wurde." Darüber schreibt er das Wort "Schock". In den Wochen danach, Kullmann geht weiter auf der Linie, habe es viele Anrufe aus England in seinem Unternehmen gegeben: "Wissensdurst", schreibt er dazu.

Kullmann arbeitet für JLL, einem der weltweit größten Immobilienvermittler: mehr als 80.000 Beschäftigte, mehrere Milliarden Euro Umsatz. In Frankfurt kümmert er sich um Kunden, die Büroflächen neu anmieten, ihre eigenen erweitern, umziehen, umgestalten oder auch nur kurz Personal unterbringen wollen.

Kullmann ist vorsichtig, wenn er über die direkten Auswirkungen des Brexits auf Frankfurt spricht. Anfangs kursierten sehr optimistische Annahmen: mehr als 10.000 Banker, die aus London an den Main kommen würden, weil ihre Institute eine neue Zweigstelle in der EU benötigten oder die bestehenden Filialen ausbauen müssten. Es sei bis heute nicht ganz klar, sagt Kullmann, wie viel Personal die Banken und andere Unternehmen in Erwartung des Brexits umgesiedelt hätten. "Klar ist aber, dass 2017 für den Büromarkt in Frankfurt ein Rekordjahr war." Auch 2018 sei deutlich besser als der Durchschnitt der vorigen Jahre gewesen. Der Leerstand sei gesunken, der durchschnittliche Mietpreis gestiegen, und "eine zusammenhängende Fläche kriegen Sie im Moment nur noch in einem Turm".