Wird die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen kleiner? Nein, das zeigen die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum sogenannten Gender-Pay-Gap – dem Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen. Demnach betrug der unbereinigte Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern im vergangenen Jahr 21 Prozent – und damit genauso viel wie im Vorjahr.

Frauen erhielten demnach einen durchschnittlichen Bruttolohn von 17,09 Euro, Männer wurden hingegen mit 21,60 Euro pro Stunde bezahlt. Nach wie vor bekommen Frauen damit ein Fünftel weniger Lohn als Männer. Auf diese Diskrepanz soll auch der Equal-Pay-Day aufmerksam machen, der in diesem Jahr am Montag, den 18. März stattfindet. Der Tag symbolisiert den Einkommensunterschied und markiert rein rechnerisch den Zeitpunkt im Jahr, den Frauen quasi "umsonst" arbeiten. Ausgerichtet wird der Aktionstag von der deutschen Sektion des weltweiten Netzwerkes Business and Professional Women (BPW), das auch in vielen anderen Ländern auf der Welt einen Kampagnentag veranstaltet. Allerdings findet der Equal-Pay-Day in jedem Land an einem anderen Tag statt, weil eben auch die Lohnlücke je nach Staat eine andere ist. Deutschland steht im europäischen Vergleich am Ende der Liste. Nur in Estland und Tschechien ist der Gehaltsunterschied mit 25,6 und 21,1 Prozent noch etwas höher, zeigen neue Zahlen von Eurostat.

Das Statistische Bundesamt hat auch untersucht, welche regionalen Unterschiede es bei der Gehaltslücke hierzulande gibt. Demnach sind Gehaltsunterschiede vor allem ein Problem im Westen: Hier wurden Frauen im Schnitt 22 Prozent schlechter bezahlt als Männer, im Osten waren es hingegen 15 Prozent Verdienstunterschied.  

Und sieht man sich die Entwicklung über zehn Jahre an, stellt man fest, dass sich bei der ungleichen Bezahlung kaum etwas verändert hat: 2009 betrug die Lücke zwischen Männern und Frauen 23 Prozent, in den alten Bundesländern lag sie bei 24 Prozent.

Kritiker bemängeln die Methodik

Allerdings regt sich jedes Jahr Kritik – sowohl am Equal-Pay-Day als auch an den vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen zur unbereinigten Gehaltslücke. Vor allem wird die Methodik für den unbereinigten Gender-Pay-Gap bemängelt und dass der Wert quasi Äpfel und Birnen miteinander vergleiche.

Das Statistische Bundesamt wertet hierfür Daten von 1,9 Millionen sozialversicherten Beschäftigten aus allen Branchen und Berufen aus und vergleicht dabei nur die Geschlechter miteinander. Unberücksichtigt bleibt aber der Umfang der Beschäftigung, auch wird nicht erfasst, wie sich das Verdienstniveau generell nach Branchen oder Berufsgruppen unterscheidet.

Und daher kann ein Teil der Lücke damit erklärt werden, dass Frauen viel häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten, während der Familienphase länger im Job aussetzten, seltener in Führungspositionen tätig sind – 47  Prozent der Frauen arbeiteten 2017 in Teilzeit, aber nur neun Prozent der Männer – und häufiger auch Berufe wählen, in denen das Lohnniveau niedrig ist. Als Grund für Teilzeitarbeit und gegen Führungspositionen geben Frauen überwiegend familiäre Verpflichtungen wie die Betreuung von Kindern und Pflegebedürftigen an. Für die Berufswahl von Mädchen und Jungen, die weitgehend traditionell erfolgt, wird vor allem die Dominanz alter Rollenbilder zur Erklärung herangezogen. Das belegen mehrere Studien. Auch wenn sich die Rollen ändern: Mädchen entscheiden sich noch immer oft deshalb für einen typischen Frauenberuf, weil sie schon früh an eine spätere Vereinbarkeit von Familie und Beruf denken. Jungen wählen hingegen häufig gut bezahlte Männerberufe, weil sie sich als Ernährer der Familie sehen.

Drei Viertel der Lücke sind erklärbar

Die Statistiker und Statistikerinnen gehen daher davon aus, dass drei Viertel des Verdienstunterschieds strukturbedingt sind. Doch es bleibt ein nicht erklärbarer Rest. Dieser entspricht auch dem sogenannten bereinigten Gender-Pay-Gap.

Demnach erhielten Arbeitnehmerinnen im Durchschnitt auch unter der Voraussetzung vergleichbarer Tätigkeit, Qualifikation und Erwerbsbiografien rund sechs Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Diese Kennziffer berücksichtigt daher nur Männer und Frauen mit dem gleichen Arbeitszeitumfang.

Kritiker bemängeln dennoch, dass auch diese Zahl wenig aussage. Denn berufliche und private Entscheidungen von Männern und Frauen würden überwiegend freiwillig getroffen und so sei die bereinigte Lohnlücke zum Beispiel damit erklärbar, dass Frauen eben weniger Überstunden machten oder dass sie eben seltener oder schlechter als Männer ihr Gehalt verhandelten. Für beide Behauptungen aber gibt es gerade für den bereinigten Gender-Pay-Gap keine fundierten wissenschaftlichen Belege. Einerseits machen Frauen tatsächlich weniger bezahlte Überstunden, das zeigt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, aber diese Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass es gerade die Teilzeit der Frauen ist, die zu weniger Überstunden führt.

Institut der deutschen Wirtschaft will andere Analysefaktoren

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet trotzdem vor – und zwar seit vielen Jahren meist kurz bevor die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes anlässlich des Equal-Pay-Days herausgegeben werden – wie sich die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen angeblich verbessert habe. Demnach liegt der Wert sogar bei 5,8 Prozent. 2010 waren es noch 7,7 Prozent. Das IW kritisiert, dass zur Erklärung auch der bereinigten Lücke, familienbedingte Auszeiten herangezogen werden. Das reiche aus Sicht der Forscher nicht, stattdessen müssten zusätzlich die individuellen Risikoeinstellungen sowie Verhandlungsstrategien von Männern und Frauen herangezogen werden.

Aktivistinnen wie die frühere BPW-Präsidentin und Unternehmensberaterin Henrike von Platen fragen daher: Ist der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern, selbst wenn er zum Teil erklärbar wäre, deshalb keine Diskriminierung?

Immerhin: Der Politik war das Thema ein ganzes Gesetz wert. Seit 2018 gibt es das Entgelttransparenzgesetz, wonach Frauen – aber auch Männer – einen individuellen Auskunftsanspruch über die Kriterien und Verfahren der Entgeltfindung und über die Höhe der Gehälter bei ihrem Arbeitgeber haben. Das Gesetz gilt aber nur für Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten. Dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) reicht das noch nicht. Er ruft am Montag zu einer Kundgebung zum Equal-Pay-Day in Berlin auf. Auch Familienministerin Franziska Giffey wird dabei sein.