Neun Jahre lang hatten Zhao Jianrong und ihr Mann Shao Yongjin in Peking nach einer Wohnung gesucht. Doch keine Chance. Sie konnten sich in der Zeit keine leisten bei Preisen von zeitweise über 50.000 Yuan pro Quadratmeter, umgerechnet sind das nach derzeitigem Kurs etwa 7.000 Euro.

Dabei verdiente das Paar für Pekinger Verhältnisse nicht schlecht. Sie arbeitet für eine große Handelsfirma, er ist in der Immobilienbranche tätigt. Zusammen lag ihr Einkommen bei etwa 30.000 Yuan im Monat (also etwa 4.000 Euro). Das ist mehr als der durchschnittliche Pekinger verdient und sechsmal so viel wie der landesweite Durchschnitt.

Vor zwei Jahren kauften sie schließlich im benachbarten Tianjin, rund 100 Kilometer von Pekings Stadtzentrum entfernt, eine 80 Quadratmeter große Wohnung. "Wir hatten Angst, dass auch dort die Preise immer weiter steigen würden", sagt die 35-jährige Zhao. Doch sie täuschten sich, denn die Preise sind sowohl in Peking als auch in Tianjin zuletzt um zehn Prozent und mehr gefallen.

Der jüngste Abschwung am Immobilienmarkt fällt in eine Zeit, in der über den wirtschaftlichen Zustand der zweitgrößten Volkswirtschaft sehr gemischte Meldungen kursieren. Unternehmer investieren weniger, die Industrieproduktion wächst langsamer. Es herrscht landesweit Unsicherheit. Chinas Premierminister Li Keqiang hat auf dem am Freitag zu Ende gegangenen Nationalen Volkskongress zugegeben, dass dem Land unsichere Zeiten bevorstünden.

Schwächstes Wachstum seit 30 Jahren

"Wir müssen sicherlich starke Maßnahmen ergreifen, um mit den steigenden Unsicherheiten fertig zu werden", kündigte der chinesische Premier an. Konkret will die kommunistische Führung die Abgaben für Unternehmen und die Sozialabgaben für die Bürgerinnen und Bürger senken, außerdem sollen mehr ausländische Unternehmer angelockt werden. Li äußerte sich zuversichtlich, dass sein Land das Wachstumsziel von 6 bis 6,5 Prozent in diesem Jahr erreichen werde. Doch auch das wäre das schwächste Wachstum seit 30 Jahren.

Der Wohnungsbau hingegen boomt: Die Investitionen in den Bau von noch mehr Wohnungen sind im Januar und Februar aufs gesamte Land gerechnet im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11,6 Prozent gestiegen. Das ist nach Angaben des Nationalen Statistikamts das stärkste Wachstum der ersten beiden Monate im Jahr seit 2014. Dabei existiert in weiten Teilen des Landes bereits ein Überangebot, das sich auf die Preise auswirkt. In der Hauptstadt Peking sind die Wohnungspreise bereits um zehn Prozent gefallen, in den beiden Wirtschaftsmetropolen Shanghai und Tianjin gar um mehr als 20 Prozent. Auch die Hightech-Stadt Shenzhen meldet starke Preisrückgänge beim Verkauf von Wohnungen. Wie passt das zusammen?

Der Handelskonflikt mit den USA setzt China offenbar mehr zu, als die Regierung vor Kurzem noch bereit war einzuräumen. China sei bestens gewappnet für den Konflikt, hieß es aus Peking, man wolle sich ohnehin stärker auf eine stabile Binnenkonjunktur konzentrieren, als weiter für den Rest der Welt zu produzieren.