In den USA sorgt ein Bestechungsskandal bei Hochschulzulassungen für Eliteunis für Aufsehen. Etwa 50 Verdächtige sind angeklagt: Eltern, unter ihnen einige Prominente, sowie Hochschulbeschäftigte und Personen, die die Bestechungen und Manipulationen eingefädelt haben sollen. Über das Korruptionsnetzwerk sollen nach Justizangaben im Laufe der Jahre insgesamt etwa 25 Millionen Dollar geflossen sein. Der Soziologie-Professor Michael Hartmann hat lange an der TU Darmstadt zur Elitenbildung im In- und Ausland geforscht – auch zu den Elitecolleges in den USA.

ZEIT ONLINE: Herr Hartmann, warum ist das Bedürfnis so groß, an Unis wie Yale oder Stanford zu kommen – koste es, was es wolle?

Michael Hartmann: Weil in den USA die Wahrscheinlichkeit, in hoch bezahlte Spitzenpositionen zu kommen, extrem davon abhängt, auf welcher Universität man gewesen ist. Eine Studie, die die Rekrutierungspraxis von Investmentbanken und Beratungsgesellschaften untersucht hat, hat gezeigt: Gleich in der ersten Bewerbungsrunde war das Kriterium, das alle anderen aus dem Feld schlug, der Abschluss von einer der Topuniversitäten, am besten Ivy League. Der Grund dafür ist ganz einfach: Die Leute, die auswählen, haben auch dort studiert. Das hat eine lange Tradition in den USA. In der jetzigen Regierung und auch in den Vorgängerregierungen waren und sind zwischen einem guten Drittel und über 60 Prozent Ivy-League-Absolventen. Und im Spitzenmanagement der Wirtschaft sind ein Drittel Ivy-League-Absolventen. Das heißt für die Eltern: Es ist eine Investition in die Zukunft, die sich mit Sicherheit bezahlt macht.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn die Studiengebühren so hoch sind, dass man sich jahrelang verschuldet?

Hartmann: Ja, die Gebühren bewegen sich zwischen 50.000 und 60.000 Dollar pro Jahr, aber das spielt keine Rolle. Der Anteil der Bevölkerung, der diese Gebühren problemlos zahlen kann, ist aufgrund der enormen Zunahme bei den Einkommen und Vermögen am oberen Ende der Bevölkerungsskala groß genug. Die würden auch 100.000 Dollar pro Jahr zahlen – Hauptsache, es geht nach Harvard, Yale oder Princeton. Denn damit ist gesichert, dass die Kinder im Laufe ihrer Karriere in Positionen kommen, in denen die Eltern auch schon gesessen haben.

ZEIT ONLINE: Es gibt in den USA aber auch die beliebten Aufsteigergeschichten von Leuten, die sich mit Hartnäckigkeit, Arbeit und Intelligenz aus einfachsten Verhältnissen hocharbeiten. Was sagen Ihre Zahlen – ist das ein Mythos?

Hartmann: Ja, die Geschichte der vielen Aufsteiger ist ein Mythos. Barack Obama war so ein Fall. Den hat man ja auch geliebt, weil er es auf eine der Ivy-League-Universitäten geschafft hat. Aber ich habe mir mal die Zahlen von Yale angeschaut: 2013 stammten 60 Prozent der Erstsemester aus den reichsten fünf Prozent der Bevölkerung. Bei Harvard stammte einer anderen Studie zufolge 2016 fast die Hälfte der Erstsemester aus den oberen vier Prozent. Ähnliche Werte finden sie auch für die anderen Ivy-League-Unis. An fast allen stellt allein das oberste Prozent mehr Studierende als die unteren 60 Prozent.

Bei den Kindern von Ehemaligen war die Aufnahmequote fünfmal so hoch.

ZEIT ONLINE: Wenn so unglaublich viel Reichtum da ist, warum wird dann wie in den jetzt bekannt gewordenen Fällen überhaupt bestochen und nicht einfach ein Gebäudeflügel gestiftet oder großzügig gespendet?

Hartmann: Wir kennen ja nicht alle Namen. Auch eine Schauspielerin wie Felicity Huffman kann nicht mal eben 30 Millionen Dollar spenden, das können nur die Milliardäre. Die Universitäten dieser Liga möchten das auch ungern so direkt. Aber es gibt noch ein anderes wichtiges Kriterium als Geld: Ein US-Journalist hat vor ungefähr 20 Jahren recherchiert, dass der hohe Anteil der Reichen nicht in erster Linie auf direkte Spenden zurückzuführen ist, sondern eine Sonderregelung für Kinder von Alumni viel wichtiger ist.

ZEIT ONLINE: Wie bei den Bushes? Der spätere US-Präsident George W. besuchte wie sein Vater die Yale University, obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war.

Hartmann: Genau. Dort wie auch in Harvard haben Kinder von Alumni einen gesonderten Zulassungsweg. 2017 hat Harvard nur fünf bis sechs Prozent aller Bewerberinnen und Bewerber aufgenommen. Bei den Kindern von Ehemaligen war die Quote fünfmal so hoch. Und dann spielt neben den intellektuellen Leistungen bei den landesweiten SAT-Tests, bei denen jetzt offenbar auch gemogelt worden ist, ein weiteres Kriterium eine Rolle: die Persönlichkeit. Öffentlich wird argumentiert, dass man auf diese Weise etwas für Minderheiten mit schlechteren Chancen tun könne.