Es sind Tage wie dieser zweite Donnerstag im April, an denen sich der Zorn der Berliner Mieter entzündet. Der Wohnungskonzern Deutsche Wohnen hat gerade einen Sieg für seine Aktionäre vor dem Berliner Landgericht erstritten. Er darf nun die Miete erhöhen, und zwar auch über die Grenzen des Mietspiegels hinaus.

Das Landgericht hält nämlich den Mietspiegel 2015 für diese Wohnlage für eine "nicht geeignete Schätzgrundlage". Ein Sachverständigengutachten kam laut Gerichtsurteil zum Ergebnis, das die Erstellung des Mietspiegels 2015 nicht anerkannten wissenschaftlichen Regeln entspreche. Ein weiteres vom Gericht bestelltes Gutachten kam zu einer ortsüblichen Vergleichsmiete, die nun die geforderte Mieterhöhung rechtfertigte.

Die rund sechs Euro pro Quadratmeter sind dem Unternehmen nicht genug, die der Mietspiegel derzeit für eine mittelgroße Wohnung in mittlerer Lage in älteren Bestandsgebäuden vorsieht. Es ging im Prozess um eine Erhöhung von 42 Euro für eine Wohnung in Zehlendorf, die zukünftig 575 Euro kosten darf. Das allein klingt nicht nach viel Geld. Aber es ist die Summe der Erhöhungen und ihre immer schnellere Abfolge. Und es ist vor allem eine Frage, die viele Großstadtbewohnerinnen und -bewohner wütend macht: Wie hoch sollen die Mieten noch steigen, bevor endlich jemand eingreift? Deswegen haben schon 20.000 Berliner einen Volksentscheid unterschrieben, der Konzerne wie die Deutsche Wohnen enteignen will.

Das Unternehmen gibt sich kämpferisch. "Wir lassen uns nicht enteignen. Wir werden nicht enteignet", entgegnete Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn trotzig auf einer Podiumsveranstaltung. Sein Unternehmen habe sich an Recht und Gesetz gehalten. Und es fühlt sich überdies vom Grundgesetz geschützt. "Ich kann auch bei viel Fantasie keinen Grund für Enteignungen sehen bei einem Unternehmen, dessen Wohnungen im Schnitt 60 Quadratmeter groß sind und für 580 Euro warm vermietet werden", sagt Zahn. Verständnis für die Wut der Bewohner und den Volksentscheid hat er nicht. Die Durchschnittsmieten in den Wohnungen des Konzerns lägen in Berlin bei 6,71 Euro. Das klingt harmlos und nicht nach der großen Abzocke, wie es aufgebrachte Bewohnerinitiativen tun.

27 Prozent Mietsteigerung in zehn Jahren

Doch tatsächlich hat die Deutsche Wohnen die Preise ihrer Wohnungen in den vergangenen zehn Jahren sehr stark angehoben. Das belegen Publikationen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) sowie Angaben des Unternehmens selbst. Demnach lag die Durchschnittsmiete im Jahr 2009 noch bei 5,29. Also ein Anstieg um 27 Prozent in zehn Jahren. Die allgemeine Teuerung, die Inflation, stieg im selben Zeitraum nur um rund 13 Prozent, also etwa halb so stark. Ein Unternehmenssprecher relativiert: Man müsse aber dabei auch sehen, dass Berlin von einem "unfassbar niedrigen Niveau" komme. Zuvor habe Berlin mit seinen Mieten auf Niveau von Bielefeld gelegen.

Inzwischen übrigens liegt es auf dem Niveau von Düsseldorf. Zwar zogen die Mieten in Berlin insgesamt noch viel stärker an als in Wohnungen des Konzerns: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Berliner Mietpreise verdoppelt. Bei Neuverträgen liegen sie inzwischen häufig bei zwölf Euro pro Quadratmeter. Und auch bei den landeseigenen Wohnungsgesellschaften ist das Wohnen teurer geworden. Während die aber in den letzten Jahren zurückhaltender wurden, trieb die Deutsche Wohnen vor allem seit 2014 ihre Wohnpreise immer stärker nach oben: um rund 3,7 Prozent pro Jahr.

Die Deutsche Wohnen besitzt sehr viele Wohnungen in der Stadt, rund 111.500. Zirka jeder zehnte Hauptstadthaushalt wohnt also in ihren Beständen. Darunter sind viele Sozialwohnungen oder solche, die ehemals Sozialwohnungen waren, die aber heute dem Konzern gehören. Viele davon liegen in eher schlechten Lagen, an großen Straßen. Für die Mehrzahl der Geringverdiener, die in solchen Wohnungen leben, sei es umso schwerer, mit den Mietsteigerungen Schritt zu halten, sagt Stefan Kofner aus. Er ist Professor für Wohnungswirtschaft an der Hochschule Zittau und hat untersucht, inwiefern die großen börsennotierten Wohnungsunternehmen hierzulande den Markt treiben: "Die Einkommen der meisten Mieter dürften seit 2010 nicht entsprechend zugelegt haben."

Niedrige Löhne, hohe Mieten

Der Konzern sieht das anders. Es sei nicht wahr, dass die Berliner Mieten stärker stiegen als die Einkommen der Bewohner, entgegnen dessen Sprecher: "Berlin hat einen absoluten Boom hingelegt, auch bei den Einkommen." Daten der Arbeitsagentur und des Berliner Statistikamtes widerlegen das: Demnach wuchsen Berliner Gehälter zuletzt zwar etwas stärker als die der Bundesbürger (um 1,7 statt 1,6 Prozent). Aber im Durchschnitt haben Berliner ein Bruttogehalt von 3.126 Euro monatlich, gegenüber 3.209 Euro im Bundesschnitt – Bielefelder kommen übrigens auf 3.310 Euro. Düsseldorfer verdienen sogar auf 3.882 Euro brutto. Rechnet man heraus, dass in Großstädten viele Akademiker den Schnitt nach oben ziehen und nimmt man nur die Beschäftigten mit Berufsausbildung oder ohne Ausbildung – die eher das Gros der Bewohner der Deutsche Wohnen repräsentieren dürften –, verdienen sie in Berlin 2.200 bis 2.800 Euro brutto. Auch das ist weniger als im deutschlandweiten Schnitt.

Gerade den Hauptstädtern machen die höheren Mieten also viel mehr zu schaffen, das belegt auch eine andere Zahl von Stefan Kofner: "Die Wohnkostenbelastungsquote liegt in Berlin inzwischen bei 35 Prozent im Schnitt." Mehr als ein Drittel ihres verfügbaren Nettoeinkommens geben die Hauptstädter also allein fürs Wohnen aus. Ab 30 Prozent halten Ökonomen diese Quote gemeinhin für zu hoch, für nicht mehr leistbar. Dann müssten Mieter den Konsum an anderer Stelle einschränken, vor allem beim Essen oder bei Bildung. Kofner sagt: "Ich gehe davon aus, dass viele Mieter in für sie inzwischen viel zu teuren Wohnungen ausharren und sparen, bis es quietscht."