"Das ist alles Quatsch." Jean-Marc Puissesseau holt tief Luft, und für einen Augenblick sieht es so aus, als würde gleich ein wütendes Donnerwetter auf den Fragesteller niedergehen. Aber dann antwortet der Chef des französischen Fährhafens von Calais doch betont ruhig: "Es gibt keinen Grund, warum es hier zu außergewöhnlichen Lkw-Staus kommen sollte. Oder warum Warenlieferungen aufgehalten werden sollten. Wenn alle tun, was sie zu tun haben, diesseits und jenseits des Ärmelkanals, dann wird es keine Probleme geben."

Seit der Brexit in greifbare Nähe rückt, verteidigt der bullige 78-Jährige die wichtigste Wasserstraße zwischen Frankreich und Großbritannien nach Kräften. Zuerst gegen die Ankündigung der EU-Kommission, den französischen Ärmelkanal-Hafen nicht in den neuen Nordsee-Mittelmeer-Korridor von Irland bis hinunter nach Südfrankreich einzubeziehen. Calais hätte damit nicht nur auf Geschäft, sondern auch auf Millionen von Subventionen aus Brüssel verzichten müssen. Erbost forderte Puissesseau öffentlich den Austritt Frankreichs aus der EU.

Die Gefahr ist auf Druck aus Paris abgewendet. Schließlich hat Frankreich nach dem ersten Schock über das Austrittsreferendum im Juni 2016 zielstrebig daran gearbeitet, den Brexit zu versilbern: Hunderte Banker aus London wurden bisher zum Umzug bewegt, auch Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Industrieunternehmen nach belle France gelockt. Rotterdam und Antwerpen die Früchte einer Umleitung des Schiffsverkehrs im Ärmelkanal zu überlassen, kam selbstverständlich nicht in Frage.

Aber der nächste Aufreger Puissesseau folgte: Die neun Millionen Passagiere und zwei Millionen Laster mit 40 Millionen Tonnen Waren, die bisher jedes Jahr zwischen Calais und Dover verkehrten, könnten demnächst im Chaos endloser Zoll- und Einwanderungskontrollen versinken. Meinen jedenfalls Skeptiker. Zumal, wenn womöglich bereits am Freitag ein No Deal, also ein Ausstieg aus der EU ohne Abkommen, bevorsteht.

"Wir sind bereit – Deal oder No Deal"

Manch kleinerem Hafen in Frankreich käme ein solches Szenario gar nicht so ungelegen. In der Normandie etwa wittert man bereits eine unverhoffte Chance, sich einen Teil des Geschäfts zu sichern. Deshalb trägt Puissesseau stets einen Plan bei sich, den er wie ein Beweisstück präsentiert. Ein neuer Parkplatz für 200 wartende Lkw ist darauf eingezeichnet, auch ein Kontrollbereich für den Transport lebender Tiere. "Sechs Millionen Euro haben wir investiert," betont er. "Wir sind bereit – Deal oder No Deal."

Heute kann ein Schwertransporter in Calais noch 20 Minuten vor Abfahrt eintreffen. In Zukunft kommt die Dauer der Abfertigung ganz auf den Zustand der Papiere an. Wenn die Spediteure ihre Zollformulare vorab im Internet ausfüllten, so Puissesseau, werde die Abfertigung nicht länger dauern als bisher. Die wenigen Unvorbereiteten sollten die fehlenden Informationen vor Ort nachliefern und so lange auf dem neuen Parkplatz pausieren.

Genau an dieser Darstellung aber zweifeln Betroffene in Frankreich und Großbritannien. Der französische Transportverband FNTR rechnet vor, dass eine Minute zusätzliche Wartezeit pro Lkw sieben Euro koste. Einen Vorgeschmack darauf hat die Branche bereits in den vergangenen Wochen bekommen. Französische Zöllner traten in den Bummelstreik, um ihren Forderungen nach mehr Personal und Prämien Nachdruck zu verleihen. Die 50 Millionen Euro und 600 zusätzlichen Beamten, die die Regierung in Paris versprochen hatte, sind ihnen nicht genug. Weil sie genauso kontrollierten, als wären die Briten schon nicht mehr in der EU, dauerten die Formalitäten etwa zehnmal so lange wie sonst, und die Laster stauten sich kilometerweit. Auch einige der zwischen Paris und London verkehrenden Eurostar-Züge fielen aus.