Konjunktur - Brexit und US-Handelsstreit schwächen deutsche Wachstumsprognose Die führenden Wirtschaftsinstitute haben die Wachstumsprognose für 2019 von 1,9 auf 0,8 Prozent gesenkt. Sie warnen vor den Folgen eines harten Brexits. © Foto: Alexander Koerner/Getty Images

Die fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das Wachstum im laufenden Jahr deutlich von 1,9 auf 0,8 Prozent abgesenkt. "Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende",  sagte Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Grund dafür sei unter anderem, dass die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich wegen politischer Risiken weiter eingetrübt hätten. Die Gefahr einer "ausgeprägten Rezession" wird jedoch für gering gehalten.   

Die Institute warnten unter anderem vor einem harten Brexit. Ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ohne Abkommen sei seit Abschluss der Prognose Ende März "zwar weniger wahrscheinlich geworden, aber noch nicht ausgeschlossen". Bei einem No-Deal-Brexit dürfte das Wirtschaftswachstum in diesem und im kommenden Jahr deutlich niedriger ausfallen als in der Prognose ausgewiesen.

Risiken sehen die Experten außerdem im noch ungelösten Handelsstreit zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, den USA und China. Negativ auf die deutsche Konjunktur wirkten sich außerdem Lieferengpässe, Schwierigkeiten in der Autoindustrie und der Fachkräftemangel aus. 

Der Beschäftigungsaufbau dürfte sich zwar fortsetzen, jedoch langsamer als noch im Vorjahr. Die Zahl der Erwerbstätigen soll bis 2020 auf 45,5 Millionen steigen, was etwa 700.000 mehr wären als 2018. Gleichzeitig prognostizieren die Forscher einen Rückgang der Arbeitslosenzahl auf 2,1 Millionen. Trotz der schlechteren Konjunkturaussichten rechnen die Experten weiterhin mit anhaltend wachsenden Staatsüberschüssen. Im laufenden Jahr soll das Plus bei 41,8 Milliarden, 2020 bei 35,6 Milliarden Euro liegen.

Bessere Rahmenbedingungen für Investitionen gefordert

Die Institute bemängelten die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. "Auch die deutsche Wirtschaftspolitik schafft Risiken, etwa indem sie die langfristige Stabilität der gesetzlichen Rentenversicherung durch erhebliche Leistungsausweitungen belastet, die aus dem Beitragsaufkommen nicht zu finanzieren sein werden", heißt es in dem Bericht. "Dies lässt Steuererhöhungen erwarten, die Deutschland als Investitionsstandort weniger attraktiv machen." Sie fordern deshalb, die Politik stärker darauf auszurichten, die Rahmenbedingungen für Investitionen zu verbessern.

Für das Jahr 2020 rechnen die Wirtschaftsforscher wieder mit einem kräftigen Anstieg des Wachstums. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte dann um 1,8 Prozent zunehmen, heißt es in der Prognose. Damit bestätigten die Institute ihre vorherige Prognose für das kommende Jahr.

Seit Beginn des Jahres hat eine Reihe von Institutionen die Wachstumsprognose für Deutschland nach unten revidiert. Erst Mitte März senkten die fünf Wirtschaftsweisen ihre Prognose für 2019 von 1,5 auf 0,8 Prozent. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht aktuell nur noch von 0,7 Prozent Wachstum für Deutschland aus. Im vergangenen Jahr war die deutsche Wirtschaft um 1,4 Prozent gewachsen. 2017 hatte das BIP um 2,2 Prozent zugelegt. 

Die Gemeinschaftsdiagnose der fünf Wirtschaftsinstitute dient der Bundesregierung als Basis für ihre eigenen Prognosen, die wiederum die Grundlage für die Steuerschätzung bilden. Sie hatte ihre Schätzung für dieses Jahr zuletzt auf 1,0 Prozent reduziert und damit fast halbiert. Für das kommende Jahr geht sie von einem Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent aus. Erarbeitet wird das Gutachten vom RWI in Essen, vom DIW in Berlin, vom ifo-Institut in München, vom IfW in Kiel und vom IWH.

Stärkster Rückgang der Neuaufträge seit mehr als zwei Jahren

Auch die deutsche Industrie leidet unter einer schlechteren Auftragslage. Sie verzeichnete den stärksten Rückgang der Neuaufträge seit mehr als zwei Jahren. Im Februar sei der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe im Monatsvergleich um 4,2 Prozent zurückgegangen, teilte das Statistische Bundesamt mit. Das ist der stärkste Einbruch seit Anfang 2017.

Damit ist der Auftragseingang bereits den zweiten Monat in Folge deutlich gesunken. Im Januar hatte es einen Rückgang um 2,1 Prozent im Monatsvergleich gegeben, wie die Statistiker nach revidierten Daten mitteilten. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug der Rückgang im Februar 8,4 Prozent.

Ausschlaggebend für den Einbruch im Februar war ein starker Rückgang der Nachfrage nach deutschen Produkten aus dem Ausland. Beim Auftragseingang aus dem Ausland meldete das Bundesamt einen Rückgang um 6,0 Prozent im Monatsvergleich. Aus dem Inland gingen die Aufträge nur um 1,6 Prozent zurück.

Experten sehen die Hauptursache in der aktuellen Konjunkturschwäche in China, einem der wichtigsten deutschen Handelspartner. "Die Auftragseingänge signalisieren einen klaren Abschwung", sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Die Dauer des Abschwungs hänge entscheidend von Konjunkturmaßnahmen der Regierung in China ab.