Aus dem Heck des umgebauten Wohnmobils rumpelt es. Die Tür zum Behandlungszimmer schlägt laut gegen den Holzrahmen, wenn sich der Health Wagon auf der verschlungenen Bergstraße in die Kurve legt. Vorn im Führerhaus sitzen zwei Frauen in weißen Arztkitteln. Routiniert steuern sie die zwölf Meter lange mobile Klinik durch die waldige Landschaft der Appalachen.

In einer der ärmsten Regionen Virginias ist die Medizinerin Paula Hill an diesem Frühlingstag mit einer Kollegin unterwegs, um kostenlos Menschen zu behandeln, die sich einen Arztbesuch nicht leisten können. Die Probleme im US-amerikanischen Gesundheitssystem, die den kommenden US-Wahlkampf dominieren dürften, werden hier besonders deutlich. "Viele haben keine Versicherung und kein Geld für Benzin", sagt Hill. Fachärzte seien oft mehrere Autostunden entfernt. "Deshalb bringen wir die Gesundheitsversorgung eben zu den Menschen."

Seit fast 40 Jahren tourt der Health Wagon durch Wise County und angrenzende Regionen im äußersten Westen Virginias an der Grenze zu Kentucky. 1980 begann die Ordensschwester Bernie Kenny damit, Patientinnen und Patienten aus dem Kofferraum ihres VW Käfers zu behandeln. Seitdem sind die mobilen Krankenhäuser immer größer geworden. Der Bedarf steigt. Jeder Fünfte in Wise County lebt unter der Armutsgrenze. Das mittlere Einkommen liegt bei gerade einmal knapp 36.000 Dollar, das sind etwa zwei Drittel des Bundesdurchschnitts. Besonders im abgelegenen Coeburn sind viele Anwohner auf die kostenlose Behandlung angewiesen. Dort macht der Health Wagon an diesem Tag Halt.

13,7 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner haben laut einer Gallup-Studie keine Krankenversicherung.

Auf einem weiträumigen Parkplatz nahe der Hauptstraße kommt das Wohnmobil zum Stehen. Der Laden nebenan verkauft Gitarren und Gewehre. Die ersten Patienten haben sich schon eingefunden, als der Health Wagon seine Türen öffnet.

Darunter ist David Gent. Der 63-Jährige geht seit einem Schlaganfall im Januar am Stock und kann die drei Stufen zum Wohnmobil nur langsam bewältigen. "In der rechten Körperhälfte habe ich noch immer kaum Gefühl", sagt der ehemalige Bergmann. Nur langsam bessere sich seine Gesundheit. Doch Gent trägt nicht nur die sichtbaren Spuren seiner Krankheit mit sich herum – sondern auch hohe Schulden. "Nach meinem Schlaganfall wurde ich in die Notaufnahme eingeliefert", sagt Gent. Kosten der Behandlung: 2.300 Dollar. Für einen Tag Aufenthalt stellte ein nahe gelegenes Krankenhaus dem Frührentner weitere 6.000 Dollar in Rechnung. "Wie soll ich das bezahlen?", fragt Gent und schüttelt den Kopf. "Meine Behandlungen in einem Monat kosten mehr Geld, als ich in einem Jahr an Rente bekomme. Und ich habe einen elfjährigen Sohn und eine Hypothek, die ich abbezahlen muss."

Eigentlich sollte Gents Krankenversicherung die Behandlungskosten abdecken – doch wie 98 Prozent von Paula Hills Patienten kann er sich keine leisten. Eine Police würde Hunderte Dollar im Monat kosten. Geld, das Gent nicht hat. Und deshalb bleibt ihm nur der Gang zum Health Wagon. "Ohne diese Menschen wäre ich vermutlich tot", sagt Gent.

30.000 Dollar für drei Tage im Krankenhaus So viel kostet ein Klinikaufenthalt nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Schnitt in den USA.

Denn Paula Hill hat nicht nur Gents Schlaganfall nachbehandelt, sondern auch seine Diabeteserkrankung. Die Hunderte Dollar teuren Medikamente würden das Haushaltsbudget bei Weitem übersteigen, beim Health Wagon gibt es die Arzneimittel umsonst. Im engen Wartezimmer vorn im Wohnmobil hilft Gent beim Wechseln einer Leuchtstoffröhre und bei der Reparatur der Klimaanlage. Es ist seine Art, sich für die Hilfe zu bedanken.

Warum hat jemand wie David Gent keine Krankenversicherung? Der Grund sind Lücken im US-Gesundheitssystem. Denn eigentlich gibt es eine kostenlose staatliche Krankenversicherung (Medicaid) für bedürftige Menschen wie ihn. Doch die Bundesstaaten entscheiden, wer dafür infrage kommt. In Virginia ist es besonders schwer, in das öffentliche Gesundheitsprogramm aufgenommen zu werden. Als Bemessungsgrundlage dient nicht nur das eigene Einkommen, sondern auch das Einkommen des Partners. Gents Frau verdient zu viel. Für das zweite staatliche Gesundheitssystem Medicare ist er zu jung. Nur Schwerbehinderte, Rentner ab 65 Jahren und Kinder werden davon abgedeckt.

David Gent hilft im Health Wagon dabei, eine Leuchtstoffröhre zu tauschen. © Jörg Wimalasena für ZEIT ONLINE

Die Appalachen sind eines der wichtigsten Kohlereviere der USA. 35 Jahre lang hat Gent in den Zechen gearbeitet. Seinen Körper hat er mit der schweren Arbeit ruiniert, doch das Geld stimmte. "Ich habe im Jahr mal 110.000 Dollar verdient", sagt er. Seit er vor vier Jahren seinen Job verlor, lebt er dagegen von einer kleinen Rente. Gents Biografie gleicht vielen, die an diesem Tag zum Health Wagon kommen. Ehemalige Bergarbeiter ohne Hochschulabschluss, gezeichnet vom jahrzehntelangen Malochen. Sie leiden unter Lungenkrankheiten, Gelenkproblemen und Rückenbeschwerden. "Die Arbeit hat aus diesen Leuten in jungen Jahren alte Männer gemacht", sagt Paula Hill. "Und nun haben sie nicht einmal eine Krankenversicherung."

Viele Patienten wirken resigniert oder wütend. Vor allem Barack Obama machen die Menschen in Coeburn für die Misere in der Region verantwortlich. Dessen Umweltpolitik sei für den Verfall der Kohleindustrie verantwortlich, glaubt man hier. Auch von seiner Gesundheitspolitik sind viele enttäuscht. Denn die unter dem Namen Obamacare bekannte Gesundheitsreform von 2010 half zwar mit der Ausweitung von Medicaid den Ärmsten, doch die Menschen in den Bergen der Appalachen blieben über. Viele Patienten des Health Wagon fühlen sich benachteiligt.