"Wohnraum in Frankfurt? Gibt's nur noch in Offenbach." In roten Lettern auf gelbem Grund klebt der Spruch an einer Laterne. Offenbach-Witze sind in Frankfurt ziemlich beliebt, in die Nachbarstadt zu ziehen, eher weniger. Und über den Wohnungsmarkt lacht hier schon lange keiner mehr. Zumindest keiner, der mieten muss. Frankfurt hat die zweithöchsten Mieten in Deutschland, nach München. Im Schnitt zahlen Mieter hier laut Mietspiegel mehr als neun Euro pro Quadratmeter – kalt. Und wer eine neue Wohnung sucht, muss im Mittel fast 15 Euro pro Quadratmeter hinlegen, hat das Immobilienunternehmen Jones Lang LaSalle SE berechnet.

Viele können da nicht mithalten. Zumindest dem Einkommen nach hätten mehr als die Hälfte der Frankfurter Miethaushalte Anspruch auf eine geförderte Wohnung, entweder aus dem klassischen Sozialwohnungsbau oder aus einem städtischen Mittelschichtsprogramm. Das ergab eine Studie des Instituts für Wohnen und Umwelt für die Stadt Frankfurt. Fast 10.000 Haushalte stehen laut Wohnungsamt auf der Warteliste.

Viele Menschen haben das Gefühl, einem Markt ausgeliefert zu sein, der sich der politischen Kontrolle entzieht. Die Berliner Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" hat zuletzt eine Debatte ausgelöst, ob große private Wohnungsunternehmen enteignet werden sollen, um das zu ändern. In Frankfurt schlägt ein linkes Bündnis eine andere Strategie vor. Mit einem "Mietentscheid" will man die Geschäftspolitik der städtischen Wohnungsbaugesellschaft radikal umkrempeln. Die Idee dahinter: bei den Wohnungen ansetzen, die bereits in öffentlicher Hand sind, dort die Mieten senken und mehr Sozialwohnungen bauen.

"Wir wollen wieder Zugriff auf die Wohnungspolitik"

Mehr als 40 Gruppen, darunter Mieterinitiativen, Ortsgruppen der Linkspartei, der Grünen Jugend, Gewerkschaften und Studierendenvertretungen haben sich zusammengeschlossen. Genau wie in Berlin setzen sie auf ein Bürgerbegehren. Damit wollen sie Mietsenkungen und mehr sozialen Wohnungsbau erzwingen. Rund 25.000 Unterschriften hat die Initiative nach eigenen Angaben gesammelt und im Januar eingereicht. Nötig gewesen wären nur 15.000. Jetzt prüft die Stadt, ob das Bürgerbegehren die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt.

Davon ist Conny Petzold überzeugt. Die 32-Jährige hat in den vergangenen Monaten Unterschriften für den Mietentscheid gesammelt. Petzold, kurze, dunkelblonde Haare, gelber Schal, grauer Mantel, geht durch die Hellerhofsiedlung im Frankfurter Stadtteil Gallus, einst Arbeiter- und sogenanntes Problemviertel, dann aufgewertet. Ein paar Straßen weiter recken sich Neubauwohntürme zum Himmel. Dort ist in den vergangenen Jahren das Europaviertel entstanden, wo Häuser Praedium heißen oder Westside Tower. Schicke Namen, Concierge-Service und Tiefgaragen wie im Europaviertel gibt es in der Hellerhofsiedlung nicht. Zweigeschossige Mehrfamilienhäuser mit Flachdächern säumen die Straße, manche mit etwas verwitterter Fassade, andere mit frischen Farbakzenten und Solarpanels obendrauf. Angelegt wurde die Siedlung in den späten Zwanzigerjahren. "Die Wohnung für das Existenzminimum" gilt als Slogan des Neuen Frankfurt, dem großen Stadtplanungsprogramm unter Ernst May. Die damalige Antwort auf die Wohnungsfrage.

Und an deren Ideale will der Mietentscheid anknüpfen, sagt Petzold beim Spaziergang. "Wir wollen wieder Zugriff auf die Wohnungspolitik und sie als Daseinsvorsorge verstehen", sagt die Politikwissenschaftlerin, die für den Frankfurter Verein Mieter helfen Mietern arbeitet. "Wir brauchen eine Wohnungsversorgung in den Städten, die den Menschen dient." Auf private Investoren könne man dabei nicht vertrauen. Die Häuser, an denen Petzold vorbeigeht, gehören auch heute der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding. In der gesamten Stadt sind es mehr als 52.000, nach ABG-Angaben bietet das Unternehmen fast einem Viertel der Frankfurter Wohnraum. "Diese Wohnungen sind schon städtisches Eigentum. Deswegen ist das der Hebel, an dem wir ansetzen wollen", sagt Petzold.