Wer erhält niedrige Löhne? Es sind vor allem Frauen – 28 Prozent der weiblichen Beschäftigten, bei Männern sind es 17 Prozent. Auch 40 Prozent aller alleinerziehenden Eltern, 30 Prozent der Beschäftigten mit Migrationshintergrund, ein Drittel der Beschäftigten aus Ostdeutschland und Menschen mit geringem Bildungsgrad finden sich besonders häufig im Niedriglohnsektor wieder.

Beinahe zwei von drei der Menschen, die für niedrige Löhne arbeiten, bleiben mittelfristig in diesem Niedriglohnsektor, zeigt die Studie auch. Das widerlegt diejenigen, die behaupten, viele Menschen würden Niedriglöhne nur übergangsweise bekommen und dann den Aufstieg schaffen. Niedriglöhne als Sprungbrett, sozusagen. Das Gegenteil ist der Fall, denn die wenigsten können sich durch Qualifizierung oder Aufstieg selbst aus dem Niedriglohnsektor herausziehen und finanziell besserstellen. Und der Niedriglohnjob ist für die meisten eben nicht ein Nebenerwerb.

Diese fehlende Mobilität erweist sich für Gesellschaft und Sozialstaat als Bumerang. Menschen, die langfristig zu geringen Stundenlöhnen arbeiten, werden in eine permanente Abhängigkeit vom Sozialstaat getrieben. Sie sind während ihres Arbeitslebens stark auf soziale Leistungen angewiesen und erfahren im Alter einen weiteren Einschnitt in ihrem Lebensstandard, weil sie selbst kaum Vorsorge betreiben und nur geringe Ansprüche an die gesetzliche Rente erwerben konnten.

Kaum Tarifbindungen

Warum arbeiten so viele Menschen in Deutschland so lange zu solch niedrigen Löhnen? Ein wichtiger Grund sind die Minijobs, die zum einen ungewöhnlich häufig niedrig entlohnt werden und zum anderen viele Beschäftigte in einem geringfügigen Arbeitsverhältnis gefangen halten. Die Betroffenen müssten nämlich einen großen Sprung in ihrem Bruttoeinkommen machen, damit sich das finanziell für sie lohnt.

Eine gewichtige Rolle spielt auch die abnehmende Bedeutung der Sozialpartnerschaft. Denn kaum ein Arbeitsvertrag im Niedriglohnsektor hat eine Tarifbindung und viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben daher wenig Verhandlungsmacht gegenüber ihren Arbeitgebern. Hinzu kommt die geringe Qualifizierung vieler Menschen im Niedriglohnbereich. Viel zu viele Menschen haben noch immer keinen Berufsabschluss oder arbeiten in Berufen, für die sie keine Qualifikation haben.

Auch wenn Qualifizierung und Weiterbildung essenzielle Maßnahmen sind, so darf man sich hiervon nicht zu viel versprechen. Die erfolgreiche Einführung des Mindestlohns – drei Millionen Beschäftigte haben eine zum Teil substanzielle Steigerung ihres Lohns erfahren, und entgegen aller Warnungen sind kaum Jobs vernichtet worden – zeigt beispielhaft, dass stärkere Sozialpartnerschaften wichtig sind, um Menschen aus dem Niedriglohnbereich zu heben.

Der ungewöhnlich große Niedriglohnbereich ist eine der schwerwiegendsten Schwächen unserer sozialen Marktwirtschaft. Sozial ist nicht, was irgendeine Arbeit schafft, sondern sozial ist, was gute Arbeit schafft. Zu diesem Anspruch der guten Arbeit sollten sowohl Löhne gehören, von denen Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten können, als auch die Chance des beruflichen und gesellschaftlichen Aufstiegs. Ansonsten verdient unsere Marktwirtschaft den Titel soziale Marktwirtschaft nicht.