Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Die neuen Europäer". Wir besuchen dafür Menschen, die nicht von Europa träumen, sondern europäisch leben. Wir erzählen von neuen Glücksmomenten und Konflikten, die es ohne die EU nicht gäbe.

Read this text in English.

Die Suche nach einer Leihmutter beginnt in einem Berliner Hotel, das die Menschen an diesem Morgen im März mit einem Versprechen anzieht: neue Hoffnung.

In einem Saal haben etwa 100 Aussteller ihre Stände aufgebaut, es sind größtenteils Kliniken für künstliche Befruchtung aus diversen Teilen der Welt, den USA, Spanien, der Ukraine. Der Name der Messe spricht für sich: Kinderwunschtage. Eine Frau, verkleidet als Klapperstorch, schlendert die Gänge entlang und verteilt freundlich Broschüren.

Im Seminarraum 2 spricht der Reproduktionsmediziner Ioannis Zervomanolakis über "Legale Leihmutterschaft in einem EU-Land. Unsere Erfahrung in Griechenland". Schon vor Beginn seines Vortrags ist der Saal überfüllt, Leute tragen Stühle aus anderen Räumen herein. Etwa 70 Zuhörerinnen und Zuhörer finden sich ein, meist Paare weit über 30.

Es sind Menschen, die am Ende eines langen Weges stehen, die endlich ein Kind bekommen wollen. Sie wollen mehr erfahren über etwas, das in Deutschland tabu ist, über Frauen, die für andere Menschen ein Kind austragen. Erst seit wenigen Jahrzehnten ermöglicht die Reproduktionsmedizin dieses umstrittene Verfahren. Ein Arzt entnimmt einer Frau Eizellen, er injiziert die Spermien des Mannes und setzt die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter ein, nur eben in die einer anderen Frau: der Leihmutter. Sie trägt das Kind schließlich aus und gibt es direkt nach der Geburt an die Auftraggeber ab.

In Deutschland ist das verboten. Deutsche Ärzte dürfen nicht mal zu einer solchen Behandlung im Ausland raten, sie können sich damit strafbar machen. Der griechische Arzt Zervomanolakis aber, ein Mann mit einem Lächeln wie angeheftet, geht damit ganz locker um. Er sagt: "Der große Vorteil ist, dass Griechenland zur EU gehört."

Viele Paare aus Deutschland

Zervomanolakis ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, hat länger in Deutschland und Österreich praktiziert, weshalb er fast akzentfrei Deutsch spricht. Jetzt arbeitet er für das Unternehmen Southeastern Fertility Solutions, eine private Klinik für künstliche Befruchtung in Athen. Es kämen viele Paare aus Deutschland in seine Praxis, auch aus anderen EU-Ländern. Schließlich sei das Verfahren in Griechenland sehr transparent: Ein Gericht entscheide, ob man für die Leihmutterschaft zugelassen werde, sagt der Arzt. Die wichtigste Voraussetzung sei, dass die Auftraggeberin medizinisch nicht dazu in der Lage ist, selbst ein Kind auszutragen.

Für die Zuhörer im Saal muss das klingen wie eine Verheißung. Fast jedes sechste Paar über 25 Jahre in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Vielen von ihnen kann mit der modernen Reproduktionsmedizin geholfen werden, manche aber versuchen es dreimal, viermal, fünfmal vergeblich. Nicht wenige zweifeln irgendwann an sich selbst, durchleben schwierige Phasen, Partnerschaften zerbrechen daran. Wie weit sind Menschen bereit zu gehen, wenn der Wunsch nach einem Kind sich einfach nicht erfüllt? Das Verlangen kann so stark sein, dass es alle Bedenken ausblendet. Dass man riskiert, sich strafbar zu machen, hohe Summen zahlt und womöglich in etwas hineingerät, das man später bereut.

Nach seinem Vortrag sprechen wir den griechischen Arzt an. Wir wollen ein Paar aus Deutschland kennenlernen, das bei ihm in Behandlung ist, das ein Kind von einer Leihmutter austragen lässt. "Ich habe da jemanden", sagt Zervomanolakis. Später aber antwortet er nicht auf schriftliche Anfragen, auch auf Anrufe reagiert er nicht. Unsere weiteren Recherchen werden belegen, dass mit den Leihmüttern in seinem Land längst nicht alles so sauber abläuft, wie der Arzt behauptet.

Eine Leihmutterschaft zu kommerziellen Zwecken ist auch in Griechenland ausgeschlossen. Sie ist nur aus altruistischen Motiven zugelassen, also aus reiner Nächstenliebe. Das setzt im Prinzip voraus, dass es eine persönliche Beziehung zwischen Wunscheltern und Leihmutter gibt, dass beispielsweise eine Schwester oder Cousine das Kind austrägt oder eine enge Freundin.

Weil es nicht um ein Geschäft gehen soll, dürfen die Leihmütter nur eine Aufwandsentschädigung von maximal 10.000 Euro erhalten – für den Ausfall ihrer Verdienste während der Schwangerschaft. Warum aber sollte eine Frau ein Kind für ein fremdes Paar austragen, das noch dazu aus dem Ausland kommt, ohne dafür ein Honorar zu erhalten? In griechischen Presseberichten ist von hohen Summen zu lesen, die ausländische Kunden an die Kliniken zahlen. Dort ist die Rede von Fruchtbarkeitstourismus oder sogar von Menschenhandel.