Das ist nicht ihr Baby

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Die neuen Europäer". Wir besuchen dafür Menschen, die nicht von Europa träumen, sondern europäisch leben. Wir erzählen von neuen Glücksmomenten und Konflikten, die es ohne die EU nicht gäbe.

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Die Suche nach einer Leihmutter beginnt in einem Berliner Hotel, das die Menschen an diesem Morgen im März mit einem Versprechen anzieht: neue Hoffnung.

In einem Saal haben etwa 100 Aussteller ihre Stände aufgebaut, es sind größtenteils Kliniken für künstliche Befruchtung aus diversen Teilen der Welt, den USA, Spanien, der Ukraine. Der Name der Messe spricht für sich: Kinderwunschtage. Eine Frau, verkleidet als Klapperstorch, schlendert die Gänge entlang und verteilt freundlich Broschüren.

Im Seminarraum 2 spricht der Reproduktionsmediziner Ioannis Zervomanolakis über "Legale Leihmutterschaft in einem EU-Land. Unsere Erfahrung in Griechenland". Schon vor Beginn seines Vortrags ist der Saal überfüllt, Leute tragen Stühle aus anderen Räumen herein. Etwa 70 Zuhörerinnen und Zuhörer finden sich ein, meist Paare weit über 30.

Es sind Menschen, die am Ende eines langen Weges stehen, die endlich ein Kind bekommen wollen. Sie wollen mehr erfahren über etwas, das in Deutschland tabu ist, über Frauen, die für andere Menschen ein Kind austragen. Erst seit wenigen Jahrzehnten ermöglicht die Reproduktionsmedizin dieses umstrittene Verfahren. Ein Arzt entnimmt einer Frau Eizellen, er injiziert die Spermien des Mannes und setzt die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter ein, nur eben in die einer anderen Frau: der Leihmutter. Sie trägt das Kind schließlich aus und gibt es direkt nach der Geburt an die Auftraggeber ab.

In Deutschland ist das verboten. Deutsche Ärzte dürfen nicht mal zu einer solchen Behandlung im Ausland raten, sie können sich damit strafbar machen. Der griechische Arzt Zervomanolakis aber, ein Mann mit einem Lächeln wie angeheftet, geht damit ganz locker um. Er sagt: "Der große Vorteil ist, dass Griechenland zur EU gehört."

Viele Paare aus Deutschland

Zervomanolakis ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, hat länger in Deutschland und Österreich praktiziert, weshalb er fast akzentfrei Deutsch spricht. Jetzt arbeitet er für das Unternehmen Southeastern Fertility Solutions, eine private Klinik für künstliche Befruchtung in Athen. Es kämen viele Paare aus Deutschland in seine Praxis, auch aus anderen EU-Ländern. Schließlich sei das Verfahren in Griechenland sehr transparent: Ein Gericht entscheide, ob man für die Leihmutterschaft zugelassen werde, sagt der Arzt. Die wichtigste Voraussetzung sei, dass die Auftraggeberin medizinisch nicht dazu in der Lage ist, selbst ein Kind auszutragen.

Für die Zuhörer im Saal muss das klingen wie eine Verheißung. Fast jedes sechste Paar über 25 Jahre in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Vielen von ihnen kann mit der modernen Reproduktionsmedizin geholfen werden, manche aber versuchen es dreimal, viermal, fünfmal vergeblich. Nicht wenige zweifeln irgendwann an sich selbst, durchleben schwierige Phasen, Partnerschaften zerbrechen daran. Wie weit sind Menschen bereit zu gehen, wenn der Wunsch nach einem Kind sich einfach nicht erfüllt? Das Verlangen kann so stark sein, dass es alle Bedenken ausblendet. Dass man riskiert, sich strafbar zu machen, hohe Summen zahlt und womöglich in etwas hineingerät, das man später bereut.

Nach seinem Vortrag sprechen wir den griechischen Arzt an. Wir wollen ein Paar aus Deutschland kennenlernen, das bei ihm in Behandlung ist, das ein Kind von einer Leihmutter austragen lässt. "Ich habe da jemanden", sagt Zervomanolakis. Später aber antwortet er nicht auf schriftliche Anfragen, auch auf Anrufe reagiert er nicht. Unsere weiteren Recherchen werden belegen, dass mit den Leihmüttern in seinem Land längst nicht alles so sauber abläuft, wie der Arzt behauptet.

Eine Leihmutterschaft zu kommerziellen Zwecken ist auch in Griechenland ausgeschlossen. Sie ist nur aus altruistischen Motiven zugelassen, also aus reiner Nächstenliebe. Das setzt im Prinzip voraus, dass es eine persönliche Beziehung zwischen Wunscheltern und Leihmutter gibt, dass beispielsweise eine Schwester oder Cousine das Kind austrägt oder eine enge Freundin.

Weil es nicht um ein Geschäft gehen soll, dürfen die Leihmütter nur eine Aufwandsentschädigung von maximal 10.000 Euro erhalten – für den Ausfall ihrer Verdienste während der Schwangerschaft. Warum aber sollte eine Frau ein Kind für ein fremdes Paar austragen, das noch dazu aus dem Ausland kommt, ohne dafür ein Honorar zu erhalten? In griechischen Presseberichten ist von hohen Summen zu lesen, die ausländische Kunden an die Kliniken zahlen. Dort ist die Rede von Fruchtbarkeitstourismus oder sogar von Menschenhandel.

Die Branche expandiert

Wir haben bald den Verdacht, dass die Kinderwunschkliniken illegal arbeiten, selbst nach griechischem Recht. Locken sie deutsche und andere ausländische Paare nach Griechenland mit dem Versprechen vermeintlicher Rechtssicherheit, weil sich doch alles in der EU abspielt? Unsere Suche nach einer Leihmutter in Griechenland müssen wir unter falschem Namen fortsetzen. Wir sind jetzt ein Paar aus Berlin, 34 und 38 Jahre alt, verheiratet seit 2012. Und wir sind ungewollt kinderlos.

Es braucht online nur zwei, drei Suchwörter, um eine Klinik in Griechenland zu finden, etliche informieren auf ihren Websites über Leihmutterbehandlungen, auch auf Deutsch, Englisch oder in anderen Sprachen. Die Angebote richten sich explizit an Paare aus dem Ausland. Wir stoßen auf das Mediterranean Fertility Institute auf der Insel Kreta, auf dessen Internetauftritt frühere Klienten aus dem Ausland überschwänglich von ihrer Leihmutterschaft berichten.

Lange fanden deutsche Paare vor allem außerhalb der EU eine Leihmutter. Die USA und Kanada gelten dabei noch als halbwegs seriöse Ziele, die Kosten dort sind aber hoch: 200.000 Euro und mehr. Deutlich günstiger war es bisher in Thailand oder Indien, beide Länder lassen jedoch ausländische Auftraggeber nicht mehr zu. Jetzt gilt die Ukraine als Babyfabrik der Welt, besonders wegen der geringen Preise für die Behandlung. Doch auch dort ist Leihmutterschaft in die Kritik geraten, ein Verbotsgesetz wurde voriges Jahr eingereicht. In Griechenland hingegen hat die Regierung 2014 die Vorschriften gelockert: Ausländer brauchen jetzt keinen festen Wohnsitz mehr in Griechenland, um ein Baby von einer Leihmutter zu bekommen. Die Branche expandiert seitdem.

Der historische Hafen von Chania © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

Wir rufen im Mediterranean Fertility Institute auf Kreta an und am Telefon meldet sich Shirley Voshol, eine Niederländerin, die in der Klinik die internationalen Kunden betreut. Unsere Lage sei verzweifelt, berichten wir, wir hätten mehrere gescheiterte künstliche Befruchtungen hinter uns, immer wieder sei es zu frühzeitigen Fehlgeburten gekommen. Die Ärzte sprächen von Einnistungsversagen und einer "feindlichen Umgebung im Uterus". Unsere letzte Hoffnung sei eine Leihmutter. "Man kann einen Besuch bei uns wunderbar mit einem Kurzurlaub verbinden", sagt Voshol.

Die Zusage für Anfang Mai kommt per E-Mail. Wir buchen Flüge nach Chania, einer Hafenstadt an der Nordküste der Insel, in der die Klinik ihren Sitz hat.

Das Mediterranean Fertility Institute liegt wenige Gehminuten von der Altstadt entfernt in einem unscheinbaren beige getünchten Gebäude. An der Rezeption werden die Besucher von einem eigenartigen Drahtgestell empfangen: Es soll eine leere Kinderwiege darstellen. Auf Kunstledersesseln im Wartezimmer sitzen noch zwei weitere Paare, die sich auf Griechisch unterhalten. Nach kurzer Zeit kommt eine elegant gekleidete Frau in blauer Bluse herein. Shirley Voshol begrüßt uns überfreundlich, beginnt einen kurzen Smalltalk über Hotel und Stadt. "Kommt, ich führe euch erst einmal herum", sagt sie.

Sie zeigt uns einen Behandlungsraum mit dunkelgrünen Vorhängen, daneben ein Operationssaal. Durch ein Fenster blicken wir in ein Laborzimmer, in dem die Geräte für die künstliche Befruchtung stehen: Mikroskope, Brutschrank und ein Kühlschrank für die Kaltkonservierung von Eizellen. Alles macht soweit einen sauberen, aufgeräumten, wenn auch beengten Eindruck.

Voshol führt uns weiter in den dritten Stock, in die Abteilung für Leihmutterschaften. Von diesem Moment an wird die Situation unübersichtlich, geradezu chaotisch. Wir hatten ein längeres Beratungsgespräch erwartet, später ein Treffen mit einem Arzt. Stattdessen landen wir in einem Büro mit drei Schreibtischen, mehrere Personen halten sich hier auf, gehen ein und aus. Die Atmosphäre ist alles andere als intim, eher wie auf einem Bürgeramt. Eine Frau wird uns kurz vorgestellt: Katerina Dimotaki, die Direktorin des Leihmutterprogramms. An der Wand hinter ihr hängen ausgedruckte Zettel mit makaberen Bürosprüchen. "Manche Frauen töten ihr Baby", steht da. "Andere töten für ein Baby." Und: "Zwillinge auszutragen ist harte Arbeit – frag meine Leihmutter."

Im Büro herrscht Unruhe, Dimotaki spricht mit einer anderen Frau. Sie flüstern und schauen immer wieder herüber. Ständig klingelt ein Telefon. Wir setzen uns mit Voshol an einen Tisch, hier kleben Geburtsanzeigen mit Babyfotos und Dank der Eltern an der Wand. Voshol präsentiert eine Karte. "Von einem Paar aus Deutschland", sagt sie, "das von einer Leihmutter ein Kind bekommen hat." Wir sehen die vollen Namen der Auftraggeber und des Babys. Datenschutz? Interessiert hier keinen.

Elf Leihmütter, zwei davon mit Zwillingen

Plötzlich steht der Direktor der Klinik vor uns, der Gynäkologe Giannis Giakoumakis. Er verscheucht Voshol von ihrem Schreibtisch und lässt sich auf ihren Platz fallen. "Bitte schön, ihre Fragen", sagt er lässig. Vor 25 Jahren habe er das Institut gegründet, seit 2005 arbeite er auch mit Leihmüttern. "Wir haben Hunderte Leihmutterschaften erfolgreich abgeschlossen", sagt der Arzt, "auch mit vielen Paaren aus Deutschland." Aktuell hätten sie elf Leihmütter, die schwanger seien, zwei davon mit Zwillingen.

Wir wollen gerade in die Details einsteigen, da werden wir schon wieder unterbrochen. Shirley Voshol sagt:

"Wenn Sie möchten, können Sie jetzt mit einer Leihmutter sprechen."

Sie meint die Frau, die mit Katerina Dimotaki am anderen Schreibtisch sitzt, mit der diese sich schon die ganze Zeit unterhält. Wir hatten sie für eine Mitarbeiterin gehalten. Voshol sagt: "Das ist ein typisches Mädchen, das uns hilft."

Griechisch mit osteuropäischem Akzent

Der Arzt zieht wieder ab und alle stehen etwas unbeholfen im Raum und schauen einander an. Wir stellen uns der Frau vor, sie nennt nur ihren Vornamen, den wir zu ihrem Schutz hier abändern: Susanna. Sie sieht sehr jung aus, schwarz gelocktes Haar, zusammengebunden zum Pferdeschwanz, zierliche Figur, gepflegtes Äußeres. Es ist nicht zu übersehen, dass sich unter ihrer weißen Bluse ein Babybauch hervorwölbt. "Sind Sie schwanger?", fragen wir. Susanna spricht kein Englisch, Voshol übersetzt. "Ja, im vierten Monat", antwortet die Frau auf Griechisch mit deutlich osteuropäischem Akzent. Auf ihren Lippen zeichnet sich ein Lächeln ab, das nicht bis zu den Augen reicht.

"Herzlichen Glückwunsch", entfährt es uns gleich, aber das war ein Fehler. Shirley Voshol weist uns zurecht, scheint geradezu empört zu sein. Das Kind gehöre den Auftraggebern, nicht Susanna. "Das ist nicht ihr Baby!"

Wir setzen uns.

Das Kind sei von einem Paar aus Deutschland, erzählt Susanna. Mit den Wunscheltern stehe sie in Kontakt, über Skype würden sie hin und wieder miteinander sprechen. Den Auftraggebern ist der Kontakt zu den Leihmüttern nicht eigenständig erlaubt, für die Telefonate kommt Susanna in die Klinik. Wie fühlt sie sich dabei, ein Kind für jemand anderes auszutragen? Die Antwort, die folgt, klingt wie einstudiert: "Ich freue mich, wenn ich anderen Leuten helfen kann", sagt Susanna. "Es ist nicht für das Geld." Ihre Schwester könne auch keine Kinder bekommen. "Deshalb weiß ich, wie schwer das ist."

"Ich fühle, dass es nicht mein Baby ist"

Während des gesamten Gesprächs sitzt Susanna reglos auf dem Sofa, die Beine eng beieinander, die Hände auf den Oberschenkeln. Sie vermeidet jeden Augenkontakt. Shirley Voshol setzt sich nicht, sie steht neben Susanna, als dürfe sie die Kontrolle über die Situation nicht verlieren. Sie wirkt angespannt, der freundliche Ton ist verflogen. Manche Fragen, die wir stellen, beantwortet sie lieber gleich selbst.

Voshol sagt: "Susanna hat eine private Krankenschwester, die sie jeden Tag sieht." Die gebe ihr Medikamente und Hormone, schließlich sei das nicht ihre eigene Schwangerschaft. "Man muss dem Körper helfen, das Kind zu behalten", sagt Voshol. Gerade am Anfang, bei der Einnistung, sei das wichtig. "Und manchmal kommt die Krankenschwester auch unangemeldet, um zu kontrollieren, ob sie raucht", sagt Voshol. Oder um zu sehen, was die Familie so treibt. "Wir stellen sicher, dass sie gesund lebt."

Susanna darf jetzt wieder selbst sprechen. Sie sagt, sie habe noch ein eigenes Kind, eine elfjährige Tochter. Wir fragen, ob diese zweite Schwangerschaft für sie anders sei als ihre erste. "Ich fühle, dass es nicht mein Baby ist", sagt Susanna. "Und ich sage mir selbst, es ist nicht meins. Aber ich beschütze es, als wäre es meins."

Es gibt sich keiner Mühe, den Anschein zu wahren

Susanna stammt aus Bulgarien, erzählt sie. Vor 15 Jahren sei sie mit ihrer Schwester nach Kreta gekommen. Auch verheiratet sei sie. "Mein Mann ist einverstanden damit, dass ich das mache." Bei der Frage, wie der Kontakt zustande kam zwischen ihr und den Wunscheltern, mischt sich wieder Voshol ein. Die Klinik habe Susanna mit dem deutschen Paar zusammengebracht, dann habe man den Vertrag unterschrieben. Das ist ein wichtiger Punkt, da die Kliniken in Griechenland nicht als Mittler zwischen Auftraggebern und Leihmutter auftreten dürfen. Aber hier gibt sich keiner Mühe, den Anschein zu wahren.

Vieles bleibt in diesem Gespräch unbeantwortet. Wir werden zum Beispiel nicht erfahren, was passiert, wenn Susanna eine Fehlgeburt hat, ob sie dann überhaupt Geld bekommt. Immer wieder wird Susanna unterbrochen von Voshol und Katerina Dimotaki, die sich auch aus dem Hintergrund meldet. "Reicht das?", fragt Voshol irgendwann. Wir geben Susanna die Hand. Sie nickt uns zu und verlässt das Büro.

Für die Kliniken besteht die größte Schwierigkeit darin, Frauen für ihre Dienste zu finden. Mehr als 60 Prozent der Leihmütter sind keine griechischen Staatsbürgerinnen. Das belegt eine Studie für die Nationale Bioethikkommission Griechenlands aus dem Jahr 2017, für die Hunderte Beschlüsse zu Leihmutterschaften an einem Athener Gericht ausgewertet wurden.

Bulgarien, Polen, Georgien, Albanien, Rumänien

Auch die Nationalitäten der Frauen sind darin festgehalten: die meisten stammen aus Bulgarien, Polen, Georgien, Albanien und Rumänien. Alles osteuropäische Länder, in denen viele Menschen noch ärmer sind als in Griechenland nach fast zehn Jahren Wirtschaftskrise. Häufig ist zu hören, dass Frauen aus Roma-Familien als Leihmütter in Griechenland angeworben werden. Wir können Susannas Herkunft nicht klären, aber auch sie könnte diesen Hintergrund haben.

Wie findet die Klinik auf Kreta ihre Leihmütter? Im Vorgespräch am Telefon hatte es geheißen, dass man teils mehrmals mit denselben Frauen zusammenarbeite. Es gebe Leihmütter, die für verschiedene Auftraggeber schwanger geworden seien. "Es sind häufig Frauen, die schon länger auf Kreta leben", sagt Shirley Voshol jetzt. "Viele wohnen in griechischen Familien und kümmern sich um ältere Menschen. Sie pflegen sie." Und sie seien froh, wenn sie diese harte Arbeit gegen eine Schwangerschaft eintauschen könnten.

Jetzt kommt Katerina Dimotaki wieder zum Gespräch dazu, es geht um die Fakten des Vertrags und die Bezahlung. Wie viel Geld bekommen die Leihmütter für ihre Dienste? "Etwa 20.000 Euro", antwortet Dimotaki unumwunden. Also doppelt so viel, wie das Gesetz erlaubt.

Dimotaki zieht eine Auflistung aller Kosten hervor, erklärt flüchtig ein paar Punkte. Dieser erste Termin zum Beispiel kostet 100 Euro. "Zwischen 60.000 und 70.000 Euro" koste alles insgesamt, sagt sie schließlich. Je nachdem, wie kompliziert die künstliche Befruchtung werde, wie viele Versuche es brauche. Für internationale Verhältnisse ist die Summe nicht gerade hoch. Auch nicht, wenn man bedenkt, welches gesundheitliche Risiko jede Schwangerschaft für eine Frau bedeutet. Auf diesem Gedanken gründet auch der Ansatz, der eine Kommerzialisierung der Leihmutterschaft ausschließt, zumindest theoretisch.

Hinzu kommt, dass eine Leihmutterschaft üblicherweise per terminiertem Kaiserschnitt beendet wird, auch in Griechenland. Schließlich müssen die Wunscheltern anwesend sein, um ihr Baby in Empfang zu nehmen. Ein Kaiserschnitt aber ist eine Operation und bedeutet, anders als eine spontane Geburt, immer einen Eingriff in die körperliche Integrität, in die Unversehrtheit eines Menschen. Wie dringend braucht eine Frau das Geld, wenn sie dazu bereit ist?

Als leibliche Eltern in der Geburtsurkunde

Dimotaki erklärt jetzt die Formalitäten. Wunscheltern müssen in Griechenland vor Gericht einen Beschluss erwirken, um eine Leihmutter zu beauftragen. Ein Anwalt werde alles für uns erledigen, sagt Dimotaki, vor dem Richter müssten wir selbst nicht erscheinen, auch nicht die Leihmutter. Das Paar müsse nur belegen, dass die Frau selbst keine Kinder bekommen kann, etwa weil es mehrfache Fehlgeburten gab oder eine Hysterektomie, also die Gebärmutter entfernt wurde. Sei der Beschluss des Gerichts gefasst, stehe der Behandlung nichts mehr im Wege. "Wenn das Kind geboren ist, werden nur ihre Namen als leibliche Eltern in die Geburtsurkunde eingetragen", sagt Dimotaki. "Der Name der Leihmutter erscheint dort nicht."

Mit der Geburtsurkunde müssten wir zur deutschen Botschaft in Athen gehen oder zum Konsulat auf Kreta. "Sie sagen dann, dass Sie selbst das Kind plötzlich hier in Griechenland geboren haben", erklärt Dimotaki. Wir sollen also die deutschen Behörden anlügen, damit diese uns einen vorläufigen Reisepass ausstellen, sodass wir mit dem Baby nach Deutschland einreisen dürfen. Im deutschen Strafgesetzbuch, Paragraf 169, steht dazu: "Wer den Personenstand einer zuständigen Behörde falsch angibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Immer wieder haben deutsche Paare mit Babys von Leihmüttern Probleme, wenn sie aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehren wollen. In Deutschland gilt jene Frau als Mutter, die das Kind geboren hat, auch wenn diese gar nicht biologisch mit dem Baby verwandt ist. Erst vor wenigen Wochen ist ein deutsches Paar vor dem Bundesgerichtshof damit gescheitert, eine Geburtsurkunde aus der Ukraine anerkennen zu lassen, auch in diesem Fall war die Leihmutter in dem Dokument nicht eingetragen. Das oberste deutsche Gericht entschied dennoch, dass die Leihmutter auch die leibliche Mutter sei. Die Auftraggeberin muss das Kind nun adoptieren.

"Wenn Gott dich ohrfeigen will"

Wir sind jetzt gut zwei Stunden in der Klinik, zum Schluss kommt der Klinikdirektor Giakoumakis ins Zimmer. Er berät uns nun doch ausführlich zu allen medizinischen Fragen, wenn auch sehr umständlich. Da unsere Lage mit mehreren Fehlgeburten nicht ganz eindeutig sei, rät er uns, zunächst eine weitere künstliche Befruchtung zu versuchen, am besten in seiner Klinik. "Aber", schränkt Giakoumakis schließlich ein, "wenn Gott dich ohrfeigen will, wird er einen Weg finden." Sollte alles scheitern, könne man noch über eine Leihmutter nachdenken.

Mit vielen Fragen verlassen wir die Klinik wieder. Wird hier ganz offensichtlich Recht gebrochen? Womöglich haben wir etwas falsch verstanden, interpretieren die Gesetzeslage nicht richtig.

Wir fliegen nach Athen und verabreden uns dort mit einer Frau, die die griechische Rechtslage zur Leihmutterschaft genau kennt. Katerina Fountedaki ist Juristin, Universitätsprofessorin und die Vizepräsidentin von Griechenlands Nationaler Aufsicht für Reproduktionsmedizin. Die Behörde soll die Arbeit der Kliniken überwachen, die künstliche Befruchtung und Leihmutterschaften anbieten. Sie vergibt auch die Betriebslizenzen für die rund 50 Kliniken in diesem Bereich, von denen die meisten private Institute sind.

Wir kündigen uns jetzt wieder offiziell als Journalisten an. Fountedaki lädt in ihre Privatwohnung ein, gelegen direkt an einer Küstenstraße im Athener Hafenbezirk Piräus. Von ihrem Wohnzimmer aus geht der Blick weit über das Meer und die nahen Jachthäfen. "Unsere Behörde hat große Probleme damit, ihre Aufgaben zu erfüllen", sagt Fountedaki gleich zu Beginn des Gesprächs, als wolle sie sich entschuldigen für das, was noch folgt. Es fehle das Personal, um die Kliniken enger zu kontrollieren. Das liege auch am Sparkurs der griechischen Regierung.

Bei der Frage, ob Kliniken eine Leihmutter vermitteln dürfen, weicht Fountedaki aus. Da gebe es unterschiedliche Auffassungen. Schließlich räumt sie ein, dass die Gesetzeslage zur Leihmutterschaft verbesserungswürdig sei. "Es gibt Stimmen in Griechenland, die diese Möglichkeit wieder ganz verbieten wollen", sagt sie. Auch weil inzwischen die Zahl der ausländischen Paare stark gewachsen sei. "So viele Frauen, die Leihmütter werden wollen, gibt es gar nicht."

"Das ist eine Straftat, ein Verbrechen"

Aber wie steht es um die Zahlungen, die eine Leihmutter in Griechenland erhalten darf? Fountedaki sagt jetzt wieder klar: "Das Gesetz verbietet ein Honorar." Wenn mehr als die Aufwandsentschädigung von 10.000 Euro gezahlt werde und es Belege dafür gebe, dann "ist das eine Straftat, ein Verbrechen". Die Staatsanwaltschaft müsse dann ermitteln.

Wir kehren nach Berlin zurück und erinnern uns an ein Paar, das wir auf der Kinderwunschmesse zu Beginn unserer Recherche getroffen hatten. Nach dem Vortrag des griechischen Arztes saßen die beiden in der Lobby des Hotels und überlegten, ob Griechenland für sie eine Option wäre. "Es ist alles sehr undurchsichtig", hatte der Mann gesagt. "Man weiß nicht wirklich, worauf man sich einlässt."

Tatsächlich gehen deutsche Paare ein erhebliches Risiko ein, wenn sie in Griechenland ein Kind von einer Leihmutter austragen lassen. Sie könnten sich strafbar machen, wenn sie ein Honorar an die Frau zahlen, das diese gar nicht erhalten darf. Es sind bisher jedoch kaum Fälle bekannt, in denen die griechische Justiz dem nachgegangen wäre. Bei der Bewertung dieser rechtlichen Fragen spielt es keine Rolle, dass Griechenland Mitglied in der EU ist, anders als von den Kliniken immer behauptet wird. Die Rechtslage zur Leihmutterschaft unterscheidet sich fundamental von der in Deutschland. Und es ist nicht absehbar, dass die Europäische Union hierfür einheitliche Regelungen findet.

Es mag ein hehrer Gedanke sein, ungewollt kinderlosen Paaren mit einer Leihmutter helfen zu wollen. Der altruistische Anspruch in Griechenland aber verschleiert die hässliche Realität: Die Leihmutterschaft ist längst ein internationales Geschäft geworden. Ein Geschäft, in dem die Ware Frauen und Babys sind.