Wie groß sind die Wohlstandsunterschiede zwischen den Regionen Deutschlands? Sehr groß, ist das Ergebnis zweier Untersuchungen, die im April Schlagzeilen machten: des Verteilungsmonitors des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) und des Sozioökonomischen Disparitätenberichts der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der allgemeine Tenor der Berichterstattung über beide Arbeiten war: Deutschland sei ein Land der Extreme und das im Grundgesetz verankerte Ziel der regional gleichwertigen Lebensverhältnisse in weiter Ferne. Hier widersprechen Sandra Schaffer und Leonard Goebel, Ökonomen am RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.

Der Disparitätenbericht der Friedrich-Ebert-Stiftung analysiert den Zustand der Regionen anhand zahlreicher sozioökonomischer Indikatoren. Die WSI-Studie hingegen basiert hauptsächlich auf einer einzigen Größe, dem Pro-Kopf-Einkommen. So zeigt die Untersuchung, dass das durchschnittlich verfügbare Pro-Kopf-Einkommen der Privathaushalte im wohlhabendsten Landkreis Starnberg mit 34.987 Euro im Jahr 2016 mehr als doppelt so hoch war wie in der Stadt Gelsenkirchen mit 16.203 Euro. Dieser enorme Unterschied zwischen dem reichen Starnberg und dem armen Gelsenkirchen scheint zu belegen, dass in Deutschland eine extreme regionale Ungleichheit herrscht.

Ein etwas tieferer Blick in die Daten offenbart allerdings ein deutlich differenziertes Bild. Das lässt sich insbesondere an drei Punkten festmachen:

Hohe Mieten, niedrige Mieten

Erstens wird die enorme Ungleichheit in den Pro-Kopf-Einkommen zu einem großen Teil durch wenige Ausreißer bestimmt, insbesondere Starnberg und Gelsenkirchen. Die Einkommen der allermeisten Regionen liegen deutlich näher beieinander: 380 der 401 Kreise in Deutschland verfügen über ein jährliches verfügbares Pro-Kopf-Einkommen zwischen 17.579 Euro und 25.486 Euro. Wirklich gewaltig ist das Wohlstandsgefälle also nur am äußersten Rand der Verteilung.

Zweitens sollte man, um die tatsächlichen Lebensverhältnisse vergleichen zu können, nicht nur das Einkommen betrachten, sondern auch das Preisniveau. Vor allem bei den Mieten zeigen sich große Unterschiede. Wo die Einkommen hoch sind, zahlt man in der Regel auch besonders viel für eine Wohnung: Im Jahr 2016 betrug die durchschnittliche Kaltmiete einer neuvermieteten Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnung mittlerer Ausstattung in Starnberg 9,75 Euro je Quadratmeter. In München waren es sogar 12,68 Euro. In Gelsenkirchen zahlte man hingegen nur 5,29 Euro, im Landkreis Südwestpfalz nur 3,48 Euro.

Das macht bei einer Achtzig-Quadratmeter-Wohnung einen jährlichen Preisunterschied von 9.000 Euro zwischen dem günstigsten und dem teuersten Kreis. Betrachtet man das verfügbare Einkommen nach Abzug der Wohnkosten, schrumpft die regionale Ungleichheit also noch weiter zusammen.

Drittens ist die Betrachtung von Pro-Kopf-Einkommen in Verteilungsanalysen eher unüblich. Aussagekräftiger ist das Äquivalenzeinkommen, das berücksichtigt, wie viele Personen in einem Haushalt zusammenleben, denn ein Vier-Personen-Haushalt kommt bei gleichem Lebensstandard pro Kopf mit deutlich weniger Geld aus als ein Single.

Vier Fünftel der Regionen sind nah am Durchschnitt

Da in reicheren Regionen und in den Städten eher weniger Personen in einem Haushalt leben als in ärmeren Regionen und auf dem Land, verzerrt die Betrachtung der Pro-Kopf-Einkommen das Bild. Wenn man aber die Daten um die Mietpreise bereinigt und das Äquivalenzeinkommen betrachtet, dann liegen mehr als vier Fünftel der Kreise in einem Bereich zwischen 86 Prozent und 120 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens. Das heißt: Der ganz überwiegende Teil der Regionen ist weder extrem arm noch extrem reich, sondern ziemlich nah am Durchschnitt.

Im europäischen Vergleich sind die Unterschiede in der Verteilung der verfügbaren Einkommen eher niedrig, wie Berechnungen des ifo-Instituts ergeben haben – mit geringerer regionaler Ungleichheit als beispielsweise in Frankreich, Italien, Spanien oder Großbritannien. Die Berechnungen zeigen auch, dass die regionale Ungleichheit in Deutschland zwischen 2000 und 2014 gesunken ist.

Dennoch gibt es natürlich weiterhin deutliche Wohlstandsunterschiede zwischen verschiedenen Regionen in Deutschland, ebenso wie zwischen unterschiedlichen Vierteln innerhalb einer Stadt. Hier liegt übrigens auch einer der Hauptgründe dafür, dass sich die Extremwerte der regionalen Einkommensverteilung in Gelsenkirchen und Starnberg finden.

In Gelsenkirchen unterscheiden sich die einzelnen Stadtteile kaum von benachbarten Stadtvierteln in Essen oder Bochum. Doch im Unterschied zu diesen beiden Städten fehlt Gelsenkirchen der – größtenteils ländliche – Teil der Stadt, der deutlich höhere Einkommen erzielt. Der Kreis Starnberg ist ebenfalls sehr homogen, allerdings fehlt dort der arme Teil. Für fast alle anderen Kreise gilt, dass dort immer auch eine ganze Reihe von Bewohnern leben, die so viel oder so wenig Einkommen erzielen wie der durchschnittliche Gelsenkirchener. Wirklich prekär ist die Situation oft weniger in den ärmeren Regionen – sondern dort, wo Geringverdiener in wohlhabenden und deshalb teuren Gegenden leben.

Es ist wichtig und notwendig, über regionale Ungleichheit, strukturschwache Regionen und sinnvolle Maßnahmen zur Lösung ihrer Probleme zu debattieren. Die Politik darf das Ziel, gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland zu schaffen, nicht aus den Augen verlieren. Doch eine undifferenzierte Darstellung und Übertreibung der regionalen Ungleichheit lösen das Problem nicht. Sie reden die soziale Spaltung erst recht herbei – mit möglicherweise fatalen politischen Folgen.