Flexibilität und Feierabendbier

Das Feierabendbier ist in Deutschland beliebt, in meiner Wahlheimat Stockholm ist es eine Institution: Die sonst so astronomischen Preise für alkoholische Getränke werden für das sogenannte Afterwork für ein paar Stunden gesenkt, die Bars werben mit bekannten DJs, einem Platz in der Sonne oder dem Blick über die Stadt. Für mich als Deutsche gibt es nur ein Problem: Es beginnt einfach zu früh. Denn wenn meine Freunde schon längst von den Diskussionen über ihre Gefühls- zu denen der Weltlage übergehen, sitze ich noch immer im Büro.

Nichts deutet darauf hin, dass in Schweden zu wenig gearbeitet wird. Der Wirtschaft geht es blendend, das BIP pro Kopf liegt trotz deutlich weniger Industrie fast gleichauf mit Deutschland. Trotzdem wird spätestens um 17 Uhr der Stift fallen gelassen, gerne schon eine Stunde früher und freitags auch zwei. Am späten Nachmittag finden selbstverständlich keine Meetings mehr statt und wenn der Chef spontan seine Kinder abholen muss, erntet er Anerkennung dafür, sich um seine Familie zu kümmern. Work-Life-Balance ist hier nicht nur ein Modewort, sondern gelebte Realität.

Als der Europäische Gerichtshof letzten Dienstag das Urteil in der Rechtssache C-55/18 veröffentlichte und damit die Arbeitszeiterfassung in allen Mitgliedstaaten anordnete, stand Deutschland Kopf. Die Entscheidung wirke "wie aus der Zeit gefallen", kritisierte der Arbeitgeberverband. Als ob Überstunden in Anbetracht der Globalisierung selbstverständlich dazugehörten. In Schweden jedoch blieb es stumm. Keine der großen Tageszeitungen sah sich veranlasst, auch nur eine Randnotiz zu verfassen. Als ich meine Freunde auf das Thema ansprach, hatten sie nicht das Geringste davon gehört. Geregelte Arbeitszeiten, das hätte eine schwedische Idee sein können, hieß es lediglich.

Auch in Schweden gilt die 40-Stunden-Woche

Denn die Aufregung in Deutschland scheint vor allem von der Angst zu rühren, dass unsere Wirtschaft zusammenbrechen könnte, wenn alle Arbeitnehmer auf einmal pünktlich nach Hause gingen. Die Schlagzeile der Bild-Zeitung – Merkt mein Chef endlich, dass mein Kollege ein Faulenzer ist? – brachte den Unterschied auf den Punkt: In Deutschland wird Anwesenheit mit Produktivität gleichgesetzt. Den Skandinaviern hingegen ist die Stundenanzahl relativ egal. Zwar gibt es in einem Großteil der Unternehmen schon jetzt Instrumente zur Zeiterfassung. Statt sicherzustellen, dass die Angestellten ihre Mindeststunden einhalten, dienen sie jedoch eher dazu, sie rechtzeitig nach Hause zu schicken. Arbeitgeber, bei denen Überstunden zum Alltag gehören, genießen kein gutes Ansehen.

Von der flächendeckenden Einführung der Sechs-Stunden-Tage, wie sie in deutschen Medien häufig heraufbeschworen wird, sind die nordischen Länder jedoch weit entfernt. Nur in Dänemark wird das Modell immer mal wieder diskutiert. Schon jetzt liegt dort die reguläre Wochenarbeitszeit bei nur 37 Stunden. In Finnland, Norwegen und Schweden gelten grundsätzlich 40-Stunden-Wochen. Doch das Zauberwort lautet Flexibilität. Immer wieder treffe ich Menschen, die den Nachmittag mit ihren Kindern verbringen und sich dafür abends an den Laptop setzen, wenn die Kleinen im Bett sind. Ein befreundeter Ingenieur erzählte, dass er sich ohne Probleme den kompletten Freitag freinehmen könne, wenn er die restlichen Tage der Woche entsprechend länger arbeite.

Wer das Gefühl hat, fertig zu sein, kann auch früher nach Hause gehen

"Freiheit unter Verantwortung" wird dieses Konzept genannt. Statt Stunden abzusitzen geht es schlichtweg darum, seine Aufgaben erledigt zu bekommen. Dem Angestellten wird zugetraut, selbst einschätzen zu können, wie viel Zeit er dafür braucht. Wenn er das Gefühl hat, fertig zu sein, kann er auch früher nach Hause gehen. Dass wir uns in Deutschland damit so schwer zu tun scheinen, deutet für die Schweden auf Kontrollwahn hin – und das ganz ohne Arbeitszeiterfassung.

Der Kommentator der Tagesschau sagte zum Urteil aus Straßburg, Arbeitsverhältnisse, die auf Vertrauen basierten, würde es damit bald nicht mehr geben. Aber das Gegenteil ist der Fall. Zeiterfassung beschränkt sich nicht auf die klassische Stechuhr am Werkseingang. Längst gibt es Apps und Onlinesysteme, die sich von überall aus in Gang setzen lassen. Deshalb wird das Vertrauen in die Angestellten wachsen müssen, dass sie ihre Arbeitszeit korrekt erfassen und diese Zeit effektiv nutzen können. 

Der Sommer ist ein Heiligtum

Als ich das erste Mal von einer Bekannten hörte, sie werde alle drei Sommermonate mit den Kindern in ihrem Wochenendhaus in den Stockholmer Schären verbringen, ging ich davon aus, dass sie gekündigt hatte. Statt wie sonst die Finanzgeschäfte des größten schwedischen Flughafenunternehmens zu leiten, wollte sie mit den Zwillingen morgens zum Insel-Schwimmkurs, mittags auf den Felsen spielen und nachmittags Blaubeeren pflücken gehen. Von Anfang Juni bis Ende August. Durchgehend. Aber nein, natürlich behalte sie ihren bisherigen Job. Sie nehme ihren Laptop mit, für Notfälle sei sie erreichbar und viel Entscheidendes stehe in nächster Zeit eh nicht an.

Überhaupt ist der Sommer ein Heiligtum im Norden. Nach den langen Wintermonaten hat jeder Arbeitgeber Verständnis, wenn einen nichts länger als nötig auf dem Bürostuhl hält. In vielen Tarifverträgen sind deshalb sogar Sommerarbeitszeiten festgeschrieben, die den Arbeitstag zwischen Mai und September um eine Stunde verkürzen. Wer im Winter um 17 Uhr geht, tut es im Sommer um 16 Uhr – und erfüllt trotzdem sein Stundenmaß. In Schweden hat jeder Angestellte zudem das Recht auf vier Wochen Sommerurlaub am Stück. Während in Deutschland lange jongliert wird, damit nicht zu viele Kollegen gleichzeitig in die Ferien fahren, schließt hier konsequent einfach die ganze Abteilung. Über die wichtigen Geschäfte wird erst im Herbst wieder verhandelt. 

Und noch etwas ist anders. Denn eine längere gemeinsame Pause zum Kaffeetrinken und Zimtschneckenessen gehört zur Arbeitszeit dazu. Es wird gescherzt und gelacht, vom Wochenende berichtet, aber auch über den Stand des aktuellen Projekts diskutiert. Die berühmte "Fika" stärkt nicht nur den internen Zusammenhalt im Team. Durch den ungezwungenen Austausch werden häufig auch neue Lösungen für die Punkte gefunden, an denen es schon den ganzen Tag hakte. Dass ich die halbe Stunde nicht am Computer wieder aufholen muss, fällt mir trotzdem noch schwer zu glauben. Arbeit, die sich nicht nach Arbeit anfühlt, scheint dem deutschen Wesen zu widersprechen.

Natürlich gibt es auch in Skandinavien überlastete Angestellte, 50-Stunden-Wochen und zu spät nach Hause kommende Eltern. Aber keine gesellschaftliche Akzeptanz dafür, dass die Arbeit die Freizeit verdrängt. Wer Überstunden macht, bekommt sie bezahlt oder einen zeitlichen Ausgleich. Junge und engagierte Berufsanfänger arbeiten auch hier freiwillig mehr als vertraglich vorgesehen. Dadurch, abends länger als der Chef zu bleiben, bekommen sie die Anerkennung jedoch nicht. Und auch sie wollen nicht die Letzten beim Afterwork sein.