"Freiheit unter Verantwortung" wird dieses Konzept genannt. Statt Stunden abzusitzen geht es schlichtweg darum, seine Aufgaben erledigt zu bekommen. Dem Angestellten wird zugetraut, selbst einschätzen zu können, wie viel Zeit er dafür braucht. Wenn er das Gefühl hat, fertig zu sein, kann er auch früher nach Hause gehen. Dass wir uns in Deutschland damit so schwer zu tun scheinen, deutet für die Schweden auf Kontrollwahn hin – und das ganz ohne Arbeitszeiterfassung.

Der Kommentator der Tagesschau sagte zum Urteil aus Straßburg, Arbeitsverhältnisse, die auf Vertrauen basierten, würde es damit bald nicht mehr geben. Aber das Gegenteil ist der Fall. Zeiterfassung beschränkt sich nicht auf die klassische Stechuhr am Werkseingang. Längst gibt es Apps und Onlinesysteme, die sich von überall aus in Gang setzen lassen. Deshalb wird das Vertrauen in die Angestellten wachsen müssen, dass sie ihre Arbeitszeit korrekt erfassen und diese Zeit effektiv nutzen können. 

Der Sommer ist ein Heiligtum

Als ich das erste Mal von einer Bekannten hörte, sie werde alle drei Sommermonate mit den Kindern in ihrem Wochenendhaus in den Stockholmer Schären verbringen, ging ich davon aus, dass sie gekündigt hatte. Statt wie sonst die Finanzgeschäfte des größten schwedischen Flughafenunternehmens zu leiten, wollte sie mit den Zwillingen morgens zum Insel-Schwimmkurs, mittags auf den Felsen spielen und nachmittags Blaubeeren pflücken gehen. Von Anfang Juni bis Ende August. Durchgehend. Aber nein, natürlich behalte sie ihren bisherigen Job. Sie nehme ihren Laptop mit, für Notfälle sei sie erreichbar und viel Entscheidendes stehe in nächster Zeit eh nicht an.

Überhaupt ist der Sommer ein Heiligtum im Norden. Nach den langen Wintermonaten hat jeder Arbeitgeber Verständnis, wenn einen nichts länger als nötig auf dem Bürostuhl hält. In vielen Tarifverträgen sind deshalb sogar Sommerarbeitszeiten festgeschrieben, die den Arbeitstag zwischen Mai und September um eine Stunde verkürzen. Wer im Winter um 17 Uhr geht, tut es im Sommer um 16 Uhr – und erfüllt trotzdem sein Stundenmaß. In Schweden hat jeder Angestellte zudem das Recht auf vier Wochen Sommerurlaub am Stück. Während in Deutschland lange jongliert wird, damit nicht zu viele Kollegen gleichzeitig in die Ferien fahren, schließt hier konsequent einfach die ganze Abteilung. Über die wichtigen Geschäfte wird erst im Herbst wieder verhandelt. 

Und noch etwas ist anders. Denn eine längere gemeinsame Pause zum Kaffeetrinken und Zimtschneckenessen gehört zur Arbeitszeit dazu. Es wird gescherzt und gelacht, vom Wochenende berichtet, aber auch über den Stand des aktuellen Projekts diskutiert. Die berühmte "Fika" stärkt nicht nur den internen Zusammenhalt im Team. Durch den ungezwungenen Austausch werden häufig auch neue Lösungen für die Punkte gefunden, an denen es schon den ganzen Tag hakte. Dass ich die halbe Stunde nicht am Computer wieder aufholen muss, fällt mir trotzdem noch schwer zu glauben. Arbeit, die sich nicht nach Arbeit anfühlt, scheint dem deutschen Wesen zu widersprechen.

Natürlich gibt es auch in Skandinavien überlastete Angestellte, 50-Stunden-Wochen und zu spät nach Hause kommende Eltern. Aber keine gesellschaftliche Akzeptanz dafür, dass die Arbeit die Freizeit verdrängt. Wer Überstunden macht, bekommt sie bezahlt oder einen zeitlichen Ausgleich. Junge und engagierte Berufsanfänger arbeiten auch hier freiwillig mehr als vertraglich vorgesehen. Dadurch, abends länger als der Chef zu bleiben, bekommen sie die Anerkennung jedoch nicht. Und auch sie wollen nicht die Letzten beim Afterwork sein.