ZEIT ONLINE: Haben Sie keine Sorge, dass die Leute dann Politiker wählen, die um jeden Preis mit höheren Staatsausgaben mehr Leute in Beschäftigung bringen wollen, auch wenn dafür die Inflationsrate steigt?

Mosler: So argumentieren viele Ökonomen. Ich glaube das nicht. Inflation betrifft alle, Arbeitslosigkeit in der Regel nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Eine Minderheit wird also für eine solche Politik sein, die Mehrheit aber nicht. Die Leute würden eine Regierung schnell abwählen, die die Inflation in die Höhe treibt. Ich bin seit Mitte der Siebzigerjahre im Geschäft, in aller Regel sind hohe Inflationsraten nicht auf hohe Staatsausgaben, sondern auf andere Faktoren zurückzuführen.

ZEIT ONLINE: Welche zum Beispiel?

Mosler: Die Hyperinflation während der Weimarer Republik zum Beispiel wurde entscheidend durch die hohen Reparationsforderungen verursacht, die das Deutsche Reich zu begleichen hatte, während zugleich das industrielle Zentrum des Landes im Ruhrgebiet besetzt war. In Venezuela spielt Korruption eine wichtige Rolle.

ZEIT ONLINE: Weshalb sehen das so viele Ökonomen anders als Sie?

Mosler: Ich glaube, das ist zum Teil ein Erbe des Goldstandards. Damals war das Geld an Goldreserven gekoppelt. Man musste sich also als Staat erst Gold besorgen, wenn man Geld in Umlauf bringen wollte. Die Regierungen haben sich selbst Fesseln angelegt. Dieses System ist aber in den Siebzigerjahren zusammengebrochen. Die Institutionen sind aber immer noch da, viele Staaten horten sogar immer noch Gold. Es ist ein wenig, als ob man beim Fernsehen den Kanal wechselt, um eine neue Spielshow zu sehen, aber noch die Regeln der Sendung anwendet, die man zuvor gesehen hat.

ZEIT ONLINE: Wenn das alles so einfach ist: Weshalb muss der Staat dann überhaupt Steuern erheben?

Mosler: Um die Leute überhaupt dazu zu bekommen, für die Regierung zu arbeiten. Der Staat braucht Soldaten, Polizisten, Beamte. Sonst gibt es keine Armee, keine Polizei, kein Rechtssystem. Wie geht das? Der Staat erhebt Steuern und akzeptiert als Zahlungsmittel nur das Geld, das die Regierung herausgibt. Das veranlasst die Menschen, Arbeit zu suchen, um an das Geld für die Zahlung der Steuern zu bekommen, direkt oder indirekt.

ZEIT ONLINE: Also Euro, Dollar, Yen.

Mosler: Genau. Damit das Regierungsgeld in Umlauf kommt und die Steuerschuld bezahlt werden kann, müssen Menschen für den Staat arbeiten. Sie müssen Waren und Dienstleistungen anbieten. Dadurch kann die Regierung Leute einstellen, sie erhält Zugriff auf Ressourcen und ist in der Lage, ihre Vorhaben umzusetzen. Der Staat erhebt die Steuern nicht, weil er Geld braucht, sondern weil er dafür sorgen will, dass seine Bürger Geld brauchen. Das heutige Geld ist eine Steuergutschrift – es ist das, was man braucht, um Steuern zu zahlen.

ZEIT ONLINE: Viele Ökonomen sagen auch: Die Regierung sollte die Steuerung der Wirtschaft den Zentralbanken und ihrer Zinspolitik überlassen. Sie müssen ihre Maßnahmen nicht durch Parlamente bestätigen lassen und können deshalb schneller agieren.

Mosler: Ich verstehe das, aber leider funktioniert Zinspolitik nicht. Sie hat noch nie funktioniert. Ich kenne viele Zentralbanker. Wenn Sie sich deren ökonomische Modelle anschauen, dann kommt da vielleicht heraus, dass die Wirtschaft um 0,1 Prozentpunkte wächst, wenn die Zinsen um einen Prozentpunkt gesenkt werden. Das ist ein Witz. Wenn der Staat aber mehr Geld ausgibt oder weniger Steuern erhebt, dann steigt sofort das Wachstum, das sehen auch fast alle Ökonomen so.

ZEIT ONLINE: Die Zentralbanken sind machtlos?

Mosler: Sie sind wie ein Kind, das mit seinem Kinderlenkrad auf dem Beifahrersitz sitzt. Sie tun so, als würden sie den Wagen steuern, und wir glauben gerne, dass sie das tun, weil sie so seriös wirken. Aber es steuert der Fahrer.