Die Nachfrage nach Arbeitskräften hält nach wie vor an – davon profitieren auch die Langzeitarbeitslosen, also Menschen, die länger als ein Jahr ohne Job sind. Im Juni waren das 813.000 Menschen in Deutschland. Das sind fast zehn Prozent weniger als vor zwei Jahren. Damals lag die Zahl noch bei über einer Million. 154.000 Langzeitarbeitslose haben allein 2018 entweder einen neuen Job gefunden oder sich selbstständig gemacht. Für die Bundesagentur für Arbeit (BA) sind das gute Zahlen, sie spricht optimistisch von einem "kräftigen Rückgang".

Aber sind die Zahlen wirklich so positiv? Fakt ist: Es gibt eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland und zwar seit vielen Jahren. Absolut gesehen waren 2018 im Schnitt 2,3 Millionen Menschen arbeitslos – aber mehr als jeder und jeder Dritte davon langfristig. Dieser Anteil hat sich seit dem Jahr 2000 und dem Beginn der Agenda-Reformen und Rot-Grün – damals waren es 37,4 Prozent – kaum verringert.

Schaut man sich außerdem an, wie groß die Unterbeschäftigung hierzulande ist, sehen die Zahlen nicht mehr so gut aus. Gemeint sind Menschen, die nicht in der Statistik erfasst werden, weil sie gerade an einer Fördermaßnahme teilnehmen oder wegen Krankheit kurzfristig arbeitsunfähig gemeldet sind. Dann waren sogar 3,3 Millionen Menschen 2018 ohne Job – mehr als ein Drittel der Betroffenen waren mindestens mehr als ein Jahr ohne Arbeit.

Freilich ist Langzeitsarbeitslosigkeit kein statischer Block. Es gibt einige Dynamik, auch wenn die nicht so groß ist wie bei den sogenannten Kurzzeitarbeitslosen, also allen, die weniger als 12 Monate ohne Job sind. 

Dynamik bei der Langzeitsarbeitslosigkeit

Insgesamt wurden im gesamten vergangenen Jahr 1,15 Millionen Menschen langzeitarbeitslos, also deutlich mehr als die Monatsstatistik ausweist. Darunter waren 576.000 Personen, die das erste Mal länger ein Jahr nach einer Arbeit suchten sowie 570.000 Menschen, die erneut langzeitarbeitslos wurden. Auch das ist ein Problem: Viele, die länger ohne Arbeit sind, kommen in eine Art Teufelskreis: Sie werden in eine kurzfristige Beschäftigung vermittelt oder erhalten eine Weiterbildung oder sonstige Maßnahmen. Endet das Programm nach einigen Monaten wieder, finden die wenigstens einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sie müssen stattdessen zurück zum Jobcenter. Und so sind insgesamt 1,24 Millionen Langzeitarbeitslose, die 2018 die Statistik verließen, vor allem ein Ausdruck für das Vermittlungsbemühen der BA. Hinzu kommt auch bei dieser Zahl: Viele wurden nur deshalb gerade nicht erfasst, weil sie wegen Krankheit nicht für die Vermittlung verfügbar waren oder weil sie kurz vor der Rente waren und daher nicht mehr mitgerechnet wurden.

Seit Jahren wird kritisiert, dass die Arbeitsmarktstatistik geschönt sei, weil Menschen als vermittelt gelten, die eine Weiterbildung oder sonstige Maßnahme vom Jobcenter bekommen. 2018 traf das auf 62 Prozent der Langzeitarbeitslosen zu. Der Mehrheit wurde also ein irgendwie geartetes Angebot gemacht. Hinzu kamen drei Prozent, die auf den zweiten Arbeitsmarkt geschleust wurden – absolut waren das 260.000 Menschen.

Tatsächlich gilt gerade für die Langzeitarbeitslosigkeit: Die Statistik sieht besser aus als die Realität. Denn nur die allerwenigsten kommen aus der Dauerarbeitslosigkeit wirklich raus. 2018 etwa fanden unter einem Prozent der Langzeitarbeitslosen einen echten Ausbildungsplatz und nur 12,4 Prozent eine neue Beschäftigung entweder auf dem ersten Arbeitsmarkt oder weil sie sich selbstständig machten. Studien wie der Gründungsmonitor des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zeigen aber, dass Gründungen von Arbeitslosen häufiger scheitern als Gründungen von Personen, die den Schritt in die Selbstständigkeit nicht als Alternative zur Arbeitslosigkeit wagen. 

Interessant ist auch, dass von den 12,4 Prozent erfolgreich Vermittelten vor allem jene neue Jobs fanden, die noch keine zwei Jahre arbeitslos waren. Denn mit der Dauer der Erwerbslosigkeit sinken die Vermittlungschancen generell. Und das trifft trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt auf immer mehr Menschen zu. Waren vor zehn Jahren noch die Hälfte alle Betroffenen keine zwei Jahre auf Jobsuche, sind es heute nur noch 43 Prozent, aber dafür gibt es immer mehr Menschen, die länger als vier Jahre erwerbslos sind. Auf fast jeden zehnten Arbeitslosen trifft das zu. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind Ältere über 55 Jahren und Menschen mit nur geringer Qualifikation. Bei zwölf Prozent aller Langzeitarbeitslosen – das sind laut BA derzeit rund 98.000 Menschen – kommt beides zusammen. Sie haben quasi keinen Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt und bilden tatsächlich einen statischen Block.