ZEIT ONLINE: Das wurde bei der Einführung des Mindestlohns auch befürchtet und es ist nicht eingetreten.

Scheele: Weil es eine zweijährige Karenzzeit gab und die Möglichkeit, über Tarifverträge davon abzuweichen. Aber selbst wenn es Anpassungszeiträume gäbe: Mit 12 Euro Stundenlohn kommt man in die Nähe unterer Gehälter in einigen Tarifverträgen. Das finde ich schwierig. Die Lohnfindung sollte man grundsätzlich den Tarifpartnern überlassen. Da es aber einen Mindestlohn gibt, sollte allein die Mindestlohnkommission über dessen Höhe entscheiden, so wie es jetzt auch vorgesehen ist. Sonst überbieten sich die Parteien mit Forderungen.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie an Hartz IV ändern?

Scheele: Zum Beispiel sollte man alle Ausbildungsplatzbewerber, auch die in der Grundsicherung, in den Arbeitsagenturen beraten. Wünschenswert wäre es auch, in Ausnahmefällen dreijährige Umschulungen zu ermöglichen und in dieser Zeit ein Weiterbildungsunterhaltsgeld zu zahlen. Auch die jetzigen Hinzuverdienstgrenzen könnte man sich mal anschauen.

ZEIT ONLINE: Gut 730.000 Menschen in Deutschland sind langzeitarbeitslos. Die Zahl geht nur sehr langsam zurück. Warum?

Scheele: Nein. Sie geht schneller zurück als die Arbeitslosigkeit insgesamt. Wir haben gute Programme zur Integration und setzen stark auf Qualifizierung und Vermittlung, insbesondere bei den Jüngeren. Außerdem haben wir mit dem Teilhabechancengesetz seit diesem Jahr ein Angebot für Langzeitarbeitslose, die es besonders schwer haben, weil sie schon viele Jahre arbeitslos sind. Sie kommen über eine geförderte Beschäftigung wieder zurück ins Erwerbsleben. Wir kümmern uns um alle.  

ZEIT ONLINE: Aber viele dieser Menschen sind schon jenseits der 50. Sie werden doch trotzdem im Alter Grundsicherung beziehen.

Scheele: Das wird leider so sein. Wenn Menschen viele Jahre lang nur wenig verdient haben und dann lange arbeitslos waren, werden sie im Alter keine Rente haben, die deutlich über der Grundsicherung liegt. Darum geht es beim Teilhabechancengesetz auch gar nicht.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Scheele: Es geht um Teilhabe am Arbeitsmarkt, weil Arbeit auch eine soziale Funktion hat. Und es geht um Prävention. Kinder sollen sehen, dass ihre Eltern zur Arbeit gehen und nicht die nächste Generation in den Kreislauf der Arbeitslosigkeit kommt. In Deutschland wird Armut häufig vererbt.

ZEIT ONLINE: Was tun Sie, um das Missverhältnis am Arbeitsmarkt zwischen Arbeitslosen und offenen Stellen zu verringern?

Scheele: Wir qualifizieren. Bildung ist der entscheidende Schlüssel. Für die Bundesagentur ist das auch ein Paradigmenwechsel. Wer immer es kann und will, sollte noch einmal eine Ausbildung absolvieren, vor allem Menschen zwischen 25 und 45 Jahren. Darum ist die Betreuung viel intensiver geworden. Wir treffen uns heute mit den Menschen alle drei Wochen statt einmal in drei Monaten. Ein Berater ist für weniger Menschen zuständig als noch vor einigen Jahren.

ZEIT ONLINE: Reicht das?

Scheele: Bisher geben die Zahlen uns recht. Die Arbeitslosenquote liegt bei 4,9 Prozent und es gibt auch immer weniger Langzeitarbeitslose. Als ich 2017 Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit wurde, betrug die Langzeitarbeitslosigkeit knapp eine Million, heute liegt sie bei gut 730.000 Menschen. Wir sind experimentierfreudiger geworden und probieren neue Vermittlungsstrategien aus. Wir nehmen beispielsweise alle Langzeitarbeitslosen in einer bestimmten Region und schauen, wer schon einmal eine Berufsausbildung gemacht hat. Diese Personen bekommen eine noch engere Vermittlung. Wir fragen Eltern mit Migrationshintergrund, ob das Kind in der Kita ist, und kümmern uns bei Bedarf um einen Kitaplatz, damit es Deutsch lernt. In Duisburg etwa haben die Kolleginnen und Kollegen einen Schwerpunkt auf die Unterstützung Alleinerziehender gelegt und mit dem Jobangebot auch einen Betreuungsplatz organisiert.

ZEIT ONLINE: Die geringe Arbeitslosenquote dürfte auch mit der guten Konjunktur zusammenhängen. Was machen Sie, wenn eine Krise kommt?

Scheele: Dann bewältigen wir sie. Wir sind gut dafür gerüstet. Wir spielen in Szenarien durch, was passieren würde, müssten wir in kürzester Zeit Zehntausende von Kurzarbeiteranträgen bearbeiten. Die Art von Stresstests zeigt, dass wir dazu in der Lage sind.

ZEIT ONLINE: Die Bundesagentur für Arbeit hat hohe Überschüsse. Was machen Sie mit dem Geld?

Scheele: Wir bauen zum Beispiel unser Beratungsangebot deutlich aus und investieren in digitale Angebote für unsere Kunden und die Qualifikation unserer Mitarbeiter. Seit Anfang des Jahres gibt es das Qualifizierungschancengesetz, mit dem wir noch umfassender Weiterbildungen für Beschäftigte in Unternehmen fördern können – vor dem Hintergrund von Strukturwandel und Digitalisierung. Unsere Herausforderung ist jetzt, das Geld effektiv und wirksam einzusetzen

ZEIT ONLINE: Das dürfte ja nicht so schwer sein, oder?

Scheele: Das Gesetz ist seit wenigen Monaten in Kraft – noch gibt es keine Zahlen. Wir müssen hier auf die Bereitschaft der Unternehmen setzen, das neue Gesetz anzuwenden und ihren Beschäftigten eine Weiterbildung zu ermöglichen. Aber viele haben von dem Gesetz noch nichts gehört. Und wir können nur beraten, wenn uns jemand sagt, was den Beschäftigten fehlt. Das geht nur gemeinsam mit den Sozialpartnern.