ZEIT ONLINE: Warum sprechen Sie Unternehmen nicht einfach an?

Scheele: Das tun wir, aber viele Betriebe sind im Moment voll ausgelastet und sagen uns, sie können jetzt niemanden in eine Qualifizierung schicken, obwohl sie wissen, dass sich durch die Digitalisierung bald einiges ändern wird. Das trifft auf die Automobilhersteller und viele Zulieferer zu, die wissen, dass Verbrennungsmotoren keine große Zukunft mehr haben. Und wir müssen erst einmal erfahren, was in der jeweiligen Region neu entstehen wird und wohin weitergebildet werden soll. Das ist im Moment eines der größten Probleme.  

ZEIT ONLINE: Brauchen wir qualifizierte Zuwanderer?

Scheele: Ja. Unsere Prognose zeigt, dass 1,5 Millionen Arbeitsplätze durch die Digitalisierung verschwinden, aber mindestens ebenso viele neu entstehen werden. Zugleich wird es wegen der Demografie weniger Erwerbspersonen in Deutschland geben. Außerdem geht die EU-Binnenwanderung zurück. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist daher ein wichtiger Baustein. Damit werden aber nicht schlagartig Hunderttausende Leute kommen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Flüchtlingen? Schließen sie nicht eine Lücke bei den Fachkräften?

Scheele: Bei Fachkräften nur im Ausnahmefall, aber bei den Un- und Angelernten, die gerade auch gebraucht werden, läuft die Integration der geflüchteten Menschen auf dem Arbeitsmarkt bisher gut. Wir wollten eine Beschäftigungsquote von 50 Prozent nach zehn Jahren erreichen, das werden wir voraussichtlich etwas früher schaffen, derzeit sind es 32 Prozent.

ZEIT ONLINE: Trotzdem wird der Fachkräftemangel in immer mehr Branchen zum Problem. Was ist Ihre Antwort?

Scheele: Frühzeitig und intensiv mit Beratung beginnen. Wir gehen in die Schulen, ab Klasse acht und informieren über Ausbildung und alle weiteren Themen, die dazugehören, zum Beispiel auch über eine möglicherweise erforderliche regionale Mobilität. Und wir gehen in die Oberstufe der Gymnasien, um hier verstärkt über duale Berufsausbildung zu informieren und Studienabbrechern vorzubeugen. Die Abbruchquoten bei den Bachelorstudiengängen sind erheblich. Trotz dieser Maßnahmen ist das Fachkräftepotenzial in Deutschland endlich. Wir haben in vielen Regionen Vollbeschäftigung, die Menschen gehen später in Rente und die Frauenerwerbsquote ist so hoch wie nie.

ZEIT ONLINE: Bald entscheidet das Bundesverfassungsgericht, ob Sanktionen im Hartz-IV-System weiterhin zulässig sind. Was denken Sie darüber?

Scheele: Ich persönlich hoffe, dass die 100-Prozent-Sanktionen für verfassungswidrig erklärt werden. Die Leute sollen nicht ihre Wohnung verlieren, auch sollte es keine schärferen Sanktionen für unter 25-Jährige geben als für Erwachsene.

ZEIT ONLINE: Sind Sanktionen denn überhaupt das richtige Mittel?

Scheele: In wenigen hartnäckigen Fällen brauchen wir dieses Mittel. Nur bei monatlich drei Prozent aller Leistungsbezieherinnen und -bezieher werden Sanktionen ausgesprochen. Und es ist aus meiner Sicht grundsätzlich nichts falsch daran, sich an Spielregeln zu halten. Wenn Sie falsch parken, müssen Sie auch befürchten, ein Knöllchen zu bekommen.