Noch wissen wir nicht, wer im Herbst in der EU-Kommission den Chefsessel einnimmt. Klar für mich ist aber schon, wer für diesen neuen Präsidenten oder diese Präsidentin als Vorbild dienen sollte: Ex-Kommissionspräsident Jacques Delors, zwischen 1985 und 1995 im Amt. Delors ist einer der größten Europäer des letzten Jahrhunderts und wurde für seine bedeutsame Rolle zum dritten Ehrenbürger Europas ernannt – nach Jean Monnet und Helmut Kohl. Europa steht heute an einem ähnlich bedeutsamen Wendepunkt wie vor 30 Jahren. Ähnlich wie Jacques Delors hat der nächste Präsident der Kommission die seltene Chance, Europa zu prägen und zu verändern.

Als Jacques Delors 1985 Kommissionspräsident wurde, stand die EU stark unter Druck. Die Briten wollten weniger Integration und noch weniger finanziell zu Europa beitragen. Viele Mitgliedsstaaten waren skeptisch, ob Europa wirtschaftlich eine Zukunft hatte. Der Europäischen Kommission unter Delors sind drei große Erfolge zu verdanken: Zum einen der 1993 eingeführte europäische Binnenmarkt – durch den Abbau von Handelsbarrieren und die Einführung gemeinsamer Standards entstand der größte Wirtschaftsraum der Welt. Zudem war Delors, zusammen mit Kohl und dem ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterand, Triebkraft für die Einführung des Euros, entgegen vieler Widerstände und wiederholter Währungskrisen.

Der Binnenmarkt und der Euro sind das Fundament des europäischen und des deutschen Wohlstands heute. Denn vor allem dem Wirtschaftsmodell Deutschlands, mit seiner großen Offenheit und starken Betonung auf Wettbewerbsfähigkeit und Handel, wurden dadurch neue Märkte geöffnet, die viele Millionen gute Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen und gesichert haben.

Die dritte große Leistung Jaques Delors war seine Fähigkeit, als Kommissionspräsident den Fall des Eisernen Vorhangs und die Wiedervereinigung Deutschlands Europa nicht spalten, sondern einen zu lassen. Auch hiervon ist Deutschland ein großer Nutznießer.

Die Herausforderungen für Europa heute sind kaum geringer als damals. Die EU, die beinahe dreimal so viele Mitgliedsländer zählt als 1985, muss sich zum einen der externen Bedrohung durch den zunehmenden Nationalismus der USA und Chinas erwehren. US-Präsident Trump macht keinen Hehl daraus, dass er Europa für schwach und führungslos hält. Und er versucht, Europa zu spalten und ihm seinen Willen aufzudrücken. Auch China versucht durch seine Belt and Road Initiative sich direkten wirtschaftlichen und geopolitischen Einfluss in Europa zu verschaffen. Es ist offensichtlich, dass Europa nur dann eine Chance hat, sich in diesem globalen Systemwettbewerb zu behaupten, wenn es in allen wichtigen globalen Politikbereichen mit einer geeinten, starken Stimme spricht und eine gemeinsame Politik verfolgt.