Jede Ortsgruppe entsendet bis zu drei Delegierte in die Bundesebene, die bei wöchentlichen Telefonkonferenzen die gemeinsame Linie auslotet. "Wer behauptet, wir seien ahnungslose Schulschwänzer, die sonst nichts zu tun haben, hat keine Ahnung, wer wir eigentlich sind", sagt Brünger. Häufig sitze sie bis nach Mitternacht, um Arbeitsgruppen zu koordinieren, Beiträge zu verfassen und nebenbei noch die Französisch-Hausaufgaben zu erledigen. Morgens komme sie manchmal zu spät in den Unterricht. Nach Ostern habe sie Erschöpfungssymptome verspürt. Über Wochen habe sie eine Krankheit mit sich herumgeschleppt. Aber auch an überlastete Aktivisten hat die Bewegung gedacht. In der AG Regenerative Culture könne man in "Feel-good-Atmosphäre" runterkommen.

Das Selbstbewusstsein der FFF-Aktivisten ist groß. "Wir haben das Bewusstsein ganz vieler Menschen verändert", sagt Brünger. Auch Ältere würden immer häufiger sagen: "Ihr habt ja recht." Allmählich durchdringe der Kampf die Gesellschaft, auch wenn bildungsferne Schichten nur schwer zu erreichen seien, räumt Boltersdorf ein. Unmittelbar dagegen sei der Einfluss auf die eigenen Familien. Eltern würden zu Vegetariern, diskutierten beim Abendbrot plötzlich über Massentierhaltung, über eine Wirtschaft, die sich wieder am Menschen orientieren müsse. Inzwischen gibt es auch Parents for Future und Teachers for Future. Brüngers Vater wird am Freitag in Aachen Ordner sein. "Darauf bin ich stolz", sagt sie.

Verbrennt Grenzen, nicht Kohle: Auf dem Protestcamp der Gruppe Ende Gelände, die auch an den Protesten teilnehmen will © Alexander Parth

Die Zeit des Belächelns scheint vorbei. Die Politik zeigt sich von den Dauerprotesten beeindruckt. Gerade die Groko-Parteien sind im Angesicht stürzender Umfragewerte vorsichtiger damit geworden, die Aktivisten als überschätzte Kinderzimmerrevolutionäre abzutun. Am Sonntag erst bekannte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, der "Dringlichkeit des Problems" zu lange zu wenig Beachtung geschenkt zu haben. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der als möglicher Kanzlerkandidat der CDU gehandelt wird und dem noch immer der Ruf des Kohlekumpels anhaftet, übt sich derweil in der schmerzhaften Kunst des politischen Spagats. Zu den Protesten in seiner Heimatstadt sagt er: "Es ist gut, dass gerade in Aachen die europäische Bedeutung des Klimaschutzes durch Fridays for Future sichtbar wird." Er nehme "die Sorgen junger Menschen um die Umwelt und die Zukunft des Planeten sehr ernst". Ein Sprecher lässt ausrichten: "Die Landesregierung bekennt sich zu den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens."

Parteipolitische Vereinnahmung unerwünscht

Solche Versuche der Anbiederung lassen die FFF-Akteure kalt. SPD und Grüne seien bereits an die Kölner Ortsgruppe herangetreten, um Gespräche zu führen, erzählt Brünger. FFF sucht die Nähe zu Parteien dagegen nicht. "Wir begreifen uns als Sprachrohr der Wissenschaft. Unsere Forderungen basieren einzig und allein auf deren Erkenntnissen", sagt Brünger. Ziel sei die Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens und die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad. Viele würden glauben, die Politik der Grünen sei mit der Haltung von FFF am ehesten in Deckung zu bringen, sagt Brünger. Das aber sei so nicht richtig. Auch die Grünen seien eine Partei, die nach machtpolitischen Mustern funktioniere. "Unsere Punkte sind klar. Nun brauchen wir Menschen, die nicht nur reden, sondern handeln. Wer das am Ende politisch umsetzt, ist uns eigentlich egal", sagt Boltersdorf. Doch wie halten die FFF-Aktivisten es mit ihrer Nähe zu anderen Protestgruppen, etwa dem Aktionsbündnis Ende Gelände?