Für diesen Mittwoch erwartet der Deutsche Wetterdienst in manchen Regionen Temperaturen von bis zu 40 Grad, es wird der bisher heißeste Tag des Jahres werden. Durch die Klimakrise steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland künftig häufiger extreme Hitze erlebt. Wie gut ist das Land darauf eingestellt? Am Umweltbundesamt beschäftigt sich Clemens Haße am Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung genau mit dieser Frage.

ZEIT ONLINE: Herr Haße, wie gut sind die Städte in Deutschland auf extreme Hitze vorbereitet?

Clemens Haße: Viele deutsche Städte sind für solche Hitzeperioden nicht unbedingt ausgelegt. Große Teile der Flächen sind versiegelt, es gibt viel Beton und Stein. Deshalb heizen sich die Städte stärker auf als ihr Umland. Die Art, wie Städte gebaut werden, richtet sich in der Regel nach den Erfahrungswerten der Vergangenheit. Derzeit aber werden die Hitzeperioden in Deutschland und Europa immer länger und häufiger.

ZEIT ONLINE: Wie können sich die Städte an die neuen Bedingungen anpassen?

Haße: Grünanlagen und Gewässer helfen, die Temperaturen zu senken. Entscheidend ist, dass Frischluft aus dem Umland möglichst ungehindert zirkulieren kann, etwa entlang von Flüssen oder Grüngürteln. Wie die angelegt sein müssen, muss man konkret vor Ort planen. Aber es geht immer darum, Schneisen in der Bebauung zu lassen, um die Luftzirkulation zu ermöglichen.

ZEIT ONLINE: Derzeit wird die Bebauung in vielen Städten eher verdichtet, weil Wohnraum fehlt.

Haße: Ja, die Verdichtung ist tatsächlich eine Herausforderung: Brachflächen werden bebaut, Grünstreifen verschwinden, etwa entlang von Gleisanlagen oder dort, wo Schrebergärten durch Wohnblocks ersetzt werden. So kann die frische Luft nicht mehr zirkulieren. Durch den Bauboom heizen sich die Städte auf. Die Stadtplaner sollten das mitbedenken.

ZEIT ONLINE: Wie soll das gehen? Wenn nachverdichtet wird, dann geht das doch zwingend auf Kosten der Grünanlagen.

Haße: Nicht unbedingt. Sie können Fassaden und Dächer begrünen, oder die Böden nicht komplett mit Asphalt oder Beton versiegeln, sondern beispielsweise Freiflächen offener gestalten. Indem man Sickerflächen für Niederschläge anlegt, statt das Wasser direkt in die Kanalisation zu leiten, kühlt man eine Stadt ebenfalls. So entlastet man gleichzeitig das städtische Abwassernetz. Denn auch Starkregenereignisse werden ja durch den Klimawandel sehr wahrscheinlich häufiger auftreten.

Wichtig ist eine intelligente Stadtplanung und Architektur. Es ist eben in Zeiten des Klimawandels nicht die beste Lösung, Bürokomplexe mit Glasfassaden zu bauen, die sich in der Sonne stark aufheizen, um dahinter Großraumbüros einzurichten, die später energieaufwändig klimatisiert werden müssen.

Brandenburg - Neuer Temperaturrekord für Juni aufgestellt Im brandenburgischen Coschen wurden nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes am Mittwoch 38,6 Grad gemessen. Damit wurde der Junirekord von 1947 erstmals überschritten. © Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Altbauten? Die meisten Gebäude in den Städten sind ja schon da. 

Haße: Für Neubauten gibt es Vorschriften, die den Wärmeschutz regeln. Für Bestandsgebäude, die tatsächlich den größten Teil der Immobilien ausmachen, fehlen sie. Deshalb sind sie das größere Problem. Die Häuser der Nachkriegszeit beispielsweise sind schlecht gedämmt, denn als sie gebaut wurden, ging es vor allem darum, schnell Wohnraum für viele Menschen zu schaffen. Auch die Ausrichtung der Gebäude nach den Himmelsrichtungen ist nicht immer optimal, etwa wenn große Fronten nach Süden ohne Beschattung angelegt wurden. Durch Dach- oder Fassadenbegrünung kann man für Kühlung sorgen, oder ganz schlicht durch Fensterläden, welche die Hitze draußen halten. Aber die Städte können auch kurzfristig reagieren.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie genau?

Haße: Der Deutsche Wetterdienst gibt mittlerweile relativ kleinräumige Hitzewarnungen heraus. Er berät die Städte auch, welche Viertel besonders anfällig sind. Die Ämter können inzwischen besser ermitteln, wo besonders gefährdete Menschen leben oder sich aufhalten, etwa in Pflegeheimen, in Kliniken oder in den Schulen. Sie können dort für zusätzlichen Schatten sorgen, etwa indem Spielflächen mit Sonnensegeln versehen werden, oder veranlassen, dass noch stärker als sonst auf eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung von Pflegebedürftigen, Kranken oder Kindern geachtet wird. Städte können schauen, wie die Kieze funktionieren, ob Nachbarn sich kümmern, oder ob vielleicht klimatisierte Einkaufszentren sich an Hitzetagen stärker der Nachbarschaft öffnen als sonst. Auch wenn die Menschen vielleicht nicht sofort etwas konsumieren. Köln hat beispielsweise einen speziellen Hitzeaktionsplan für ältere Menschen aufgestellt.

ZEIT ONLINE: Welche Regionen werden denn am stärksten von künftigen Hitzewellen betroffen sein?

Haße: Besonders der Großraum Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt, und im Westen die Gegenden entlang des Rheingrabens werden häufiger solche Hitzephasen erleben. In diesen Regionen ist es jetzt schon im Sommer besonders warm.

ZEIT ONLINE: Und andere Regionen?