Vergangenen Sommer erlebte Deutschland einen Umweltskandal, wenngleich der bislang noch folgenlos blieb: Medien hatten aufgedeckt, wie der Versandhändler Amazon massenhaft neuwertige Waren zerstört, die Kunden zurückschicken, etwa, weil die bestellte Hose zu klein ist oder der Schuh drückt. Neue Windeln, nie benutzte Fernseher und Smartphones, ungetragene Stiefel, Brillen oder Unterwäsche. All diese Dinge können bislang in den Abfall wandern, wenn der Onlinehändler oder die Ladeninhaberin es so will. Dass es anders geht, beweist Frankreich. Das Nachbarland setzt diesem ökologischen Irrsinn nun ein Ende: Im Sommer soll ein Gesetz die Zerstörung von neuer Ware verhindern. Bislang, so die Pariser Regierung, würden jedes Jahr neue Produkte im Wert von 600 Millionen Euro mutwillig verschrottet.

Frankreichs Premierminister Édouard Philippe nannte seine Initiative am Dienstag eine "weltweite Premiere". Französische Bürgerinnen und Bürger seien schockiert, wenn intakte Produkte "völlig unnötig" weggeschmissen würden. "Dieses Gesetz ist wegweisend gegen die Verschwendung von Ressourcen", so Philippe.

Verschrotten kann günstiger sein als weiterverkaufen

Ein Gesetz, das in Deutschland noch fehlt. Dabei gibt es in der Politik durchaus ein Problembewusstsein für die Verschwendung bei Amazon und anderen. Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, forderte den US-Versandhändler damals auf, die Vorwürfe aufzuklären. "Das ist ein riesengroßer Skandal, denn wir verbrauchen auf diese Weise Ressourcen mit allen Problemen insgesamt auf der Welt. Ein solches Vorgehen passt einfach nicht in diese Zeit", sagte Flasbarth. Wenige Monate später bekam er Besuch von Greenpeace: Die Umweltorganisation hatte rund 150.000 Unterschriften gegen die "Retourenvernichtung im Onlinehandel" gesammelt.

Auch in Frankreich brauchte es einen Skandal, bis die Politik handelte – allerdings ging es hier nicht einfach nur um die Retourware, sondern generell um alle Produkte, die zu lange in den riesigen Hallen von Amazon lagern und irgendwann im Abfall landen. Vor wenigen Monaten filmte ein Kamerateam der französischen Sendung Capital, wie Amazon neue Windeln, Bücher und Fernseher verschrottete. Der Grund: Die Lieferanten von Amazon müssen für ihre Waren Stellplätze in seinen riesigen Lagerhallen mieten – und die werden mit jedem Monat teurer. So kann es billiger sein, die ungebrauchten Dinge zu verschrotten, als sie zu lagern oder an anderer Stelle weiterzuverkaufen. Alleine in einer relativ kleinen Lagerhalle von Amazon im ostfranzösischen Chalon-sur-Saône, so deckte es der Film auf, wurden innerhalb weniger Monate 300.000 Produkte weggeschmissen. Hochgerechnet auf das ganze Jahr 2018 geht der französische Gewerkschaftsbund von rund 3,2 Millionen neuwertigen, aber zerstörten Produkten allein in Frankreich aus – die nun mit dem künftigen Gesetz vermieden werden sollen.

"Wir bräuchten Prüfer in den Lagerhallen"

Der Handelsverband Deutschland (HDE) – der diejenigen vertritt, die potenziell neue Waren verschrotten – möchte sich nicht zum französischen Gesetz äußern. Grundsätzlich aber möchte der Verband das Verhalten der Kunden ändern und nicht die Gesetze. "Der Hebel und das Ziel für den Handel bestehen darin, Retouren von Waren zu vermeiden", so HDE-Sprecher Kai Falk.

Umweltschützer beklagen hingegen, dass gegen die riesigen Schrottberge im Handel zu wenig getan werde. "Im Grunde schreibt das Kreislaufwirtschaftsgesetz schon heute vor, Waren erst wiederzuverwenden und nur zur Not zu verschrotten", sagt Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe. Nur seien im entsprechenden Gesetz keine Sanktionen vorgesehen. "Wir bräuchten Prüfer in den Lagerhallen und verbindliche Quoten für das Recycling. Das passiert aber nicht", so Sommer. Offenbar aber steckt Frankreichs Initiative inzwischen auch das Bundesumweltministerium an. Aus dem SPD-geführten Ministerium heißt es, zurzeit würde an Gesetzen gearbeitet, die denen von Frankreich ähneln könnten. Auch Strafen wie etwa Bußgelder würden diskutiert.

Tatsächlich sind die Retourwaren nur ein Teil des Problems. Insgesamt steigt die Menge an Abfall, die jeder Mensch in Deutschland produziert. Auch werden in unserem Wirtschaftssystem häufig Waren zerstört, die lästig werden oder die so zahlreich vorhanden sind, dass sie die Preise drücken. Bislang diskutieren Politikerinnen und Politiker in Europa vor allem die Verschwendung von Lebensmitteln. Und auch hier ist Frankreich schneller als Deutschland: Seit 2016 verbietet es das sogenannte Garot-Gesetz großen Supermärkten, noch essbare Produkte wegzuschmeißen. Stattdessen müssen sie weniger Steuern zahlen, wenn sie ihre Bananen, Joghurts und Toastbrote an karitative Organisationen, etwa für Obdachlose, weiterverschenken. Verboten ist es auch, sie etwa mit Chlor oder anderen Giften ungenießbar zu machen. Eine Praxis, die hungrige Menschen bislang davon abhält, in Mülleimern von Supermärkten nach Essen zu fischen. Fast 4.000 Euro zahlen Franzosen, wenn sie Abfälle vergiften. Das Gesetz soll bis 2025 die Verschwendung von Lebensmitteln in Frankreich halbieren.

Und es scheint zu funktionieren. Inzwischen verschenken mehr als 90 Prozent der französischen Händlerinnen und Händler ihre unverkauften Lebensmittel. Mehr als ein Drittel gibt in einer Umfrage an, dies seit dem Anti-Verschwendungsgesetz von 2018 zu tun. Allerdings werden die Dinge meistens nicht täglich eingesammelt – und so verderben noch weiterhin viel zu häufig frische Lebensmittel wie Milch oder Wurst.

In Deutschland wandern laut Bundesumweltamt rund vier Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich direkt vom Supermarktregal in die Tonne. Anfang des Jahres hat Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) angekündigt, in einer "vereinten Kraftanstrengung" Lebensmittelabfälle bis 2030 halbieren zu wollen, also fünf Jahre später, als es Frankreich anstrebt. Gesetzliche Geldstrafen wie in Frankreich sieht die Strategie von Klöckner allerdings nicht vor: Ihr Ministerium will allein besser informieren.

Bei unverkauften, aber noch haltbaren Lebensmitteln ist die Sache recht eindeutig. Aber was soll nun aus den Fernsehern und Kühlschränken werden, die in Frankreich sonst auf dem Müll landen würden? Das kommende französische Gesetz sieht vor, diese entweder zu verschenken – oder ihre Einzelteile für andere Maschinen weiterzubenutzen. Andernfalls droht eine Strafe.

Hinweis: In einer ersten Version des Textes war von vier Tonnen Lebensmitteln die Rede, die von Supermärkten weggeworfen werden. Tatsächlich handelt es sich um vier Millionen Tonnen. Wir haben das korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.