Vor dem Haupteingang des Volkswagenwerks in Chattanooga steht einsam eine Frau in gelbem Shirt, es ist ein regnerischer Tag. Hinter der Sicherheitsschleuse liegt die einzige Fertigungsstätte des größten deutschen Autobauers in den USA. Um kurz nach vier an diesem Nachmittag ist noch kaum jemand zu sehen. Nur zwei Männer vom Sicherheitsdienst beobachten die Frau mit den Flugblättern unter dem Arm. Mit der Presse will sie nicht sprechen. Doch was sie kurz vor Ende der Tagesschicht herführt, ist auf ihrem T-Shirt zu lesen. "UAW" steht dort groß. Die Abkürzung steht für die United Automobile Workers, die größte Automobilgewerkschaft in den Vereinigten Staaten. Darunter: "Union Yes!", frei übersetzt: "Sag ja zur Gewerkschaft!"

Die UAW will die Belegschaft des 2011 eröffneten Betriebs schon seit Jahren organisieren. 2014 scheiterte ein Votum knapp. In dieser Woche, von Mittwoch bis Freitag, sollen die mehr als 1.700 Produktions- und Wartungsmitarbeiter nun erneut darüber abstimmen, ob sie ihre Interessen künftig von der Gewerkschaft vertreten lassen wollen. Nicht nur Arbeitnehmervertreter sind angespannt, auch die amerikanische Industrie schaut auf Chattanooga im Südosten Tennessees. Denn hier spielt sich der vermutlich wichtigste Arbeitskampf der US-Privatwirtschaft in der jüngeren Vergangenheit ab.

Für alle Seiten geht es um viel. Die konkreten Arbeitsbedingungen sind das eine. VW und die gesamte Wirtschaft in der Region stehen außerdem vor der Frage, ob sie sich im traditionell gewerkschaftsfeindlichen Süden der USA künftig verstärkt mit organisierten Arbeitnehmervertretungen auseinandersetzen müssen. Und die UAW kämpft nach dem drastischen Mitgliederschwund in den alten Industriezentren des Nordens um ihre Existenz.

"Es ist ein höllischer Arbeitsplatz"

Der Druck von außen macht sich auch in der Belegschaft bemerkbar. Seit Monaten wird die Entscheidung für oder gegen die Gewerkschaft im Werk kontrovers diskutiert. Angestellte beschreiben die Stimmung als angespannt. Kurz vor halb fünf eilen Hunderte Mitarbeiter zur Sicherheitsschleuse. Die Tagesschicht endet. Mittlerweile haben sich vier UAW-Aktivisten vor dem Ausgang postiert, um ihre Informationen an den Mann oder die Frau zu bringen. Die Reaktionen auf die Flugblattaktion kurz nach Feierabend zeigen, wie unterschiedlich die Gewerkschaft wahrgenommen wird. "Welche Lügen und Propaganda verbreitet ihr denn heute wieder", ruft ein Mann im blauen Shirt im Vorbeigehen. Doch der nächste Kollege, der durch die Sicherheitsschleuse tritt, nimmt das Papierbündel dankend entgegen und murmelt den Gewerkschaftern ein aufmunterndes "Haltet durch" zu. Eine Besichtigung des Werks und ein Gespräch mit dem Werksleiter verweigert die VW-Pressestelle. "Das ist in dieser Phase leider nicht möglich", teilt ein Sprecher mit.  

Die beiden Fertigungsmitarbeiter Jason und Brian, die gerade durch das Drehkreuz gekommen sind, wollen dagegen gern über die Arbeitssituation im Chattanooga-Werk sprechen, die auch der Grund dafür ist, warum die Forderungen nach gewerkschaftlicher Organisation in den vergangenen Jahren stärker geworden sind. Die beiden Männer Mitte 30 heißen eigentlich anders, doch sie möchten anonym bleiben, das Gespräch findet in einem mehrere Kilometer vom Werk entfernten Café statt. Sie fürchten, dass VW sie sanktionieren könnte, wenn sie offen über die Verhältnisse im Werk sprechen. "Es ist ein höllischer Arbeitsplatz", sagt Jason. Die Arbeit am Fließband mit wenigen sich ständig wiederholenden Bewegungen belaste Körper und Psyche. Man brauche einen "abgebrühten Geist", um damit klarzukommen. Viele Mitarbeiter würden das nicht lange durchhalten und nach wenigen Monaten wieder kündigen. Zudem gebe es ständig Arbeitsunfälle. "Jeder hier hat irgendein Gebrechen", sagt Jason. Nervenschäden und Schulterprobleme beispielsweise.

Plötzlich Überstunden oder doch wieder nicht

Steve Cochran von der Automobilgewerkschaft UAW © Jörg Wimalasena für ZEIT ONLINE

Außerdem seien die Arbeitszeiten unvorhersehbar, sagt UAW-Vertreter Steve Cochran, der als einer von wenigen Werksmitarbeitern bereit ist, sich mit seinem echten Namen zitieren zu lassen. "Wenn man zur Arbeit kommt, weiß man hier nicht, wann man Feierabend hat", klagt der stämmige 43-Jährige mit der Baseballmütze. Manchmal kündige die Werksleitung weniger als eine Stunde vor Schichtende an, dass die Mitarbeiter Überstunden machen müssen. "Umgekehrt sagen sie Überstunden manchmal nur Minuten vor Feierabend wieder ab." Auch Jason und Brian bestätigen das. Gerade Familien seien in ihrer Freizeitgestaltung von den willkürlichen Arbeitszeitänderungen betroffen. Arzttermine müssten verschoben und Babysitter kurzfristig angeheuert werden. Volkswagen wollte sich auf Anfrage von ZEIT ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern. "Aufgrund der Wahl dürfen wir in dieser Woche keine Stellungnahmen bezüglich Chattanooga abgeben", teilte ein Sprecher mit.

Viele Mitarbeiter fühlen sich den Entscheidungen ihrer Vorgesetzten ausgeliefert. Genau das soll sich mit der gewerkschaftlichen Organisation des Betriebs ändern. "Wir können natürlich nicht garantieren, dass es mit uns keine Überstunden mehr geben wird", sagt Steve Cochran. Aber man könne zum Beispiel aushandeln, dass die Extraschichten 24 Stunden im Voraus angekündigt würden. Auch höhere Sicherheitsstandards gegen die vielen Arbeitsunfälle könne man in Verhandlungen mit dem Arbeitgeber erreichen.