Wenn sich Vertreter der Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union (AU) derzeit in der nigrischen Hauptstadt Niamey treffen, sprechen sie auch über Sicherheitsfragen, Konflikte und Migration. Wirtschaftspolitisch geht es auf dem Sondergipfel vor allem um eine Initiative, auf der große Hoffnungen ruhen: Am Sonntag soll in Niamey der offizielle Startschuss für die afrikanische kontinentale Freihandelszone AfCFTA fallen. Formal trat sie schon Ende Mai in Kraft, nachdem 22 Staaten sie ratifiziert hatten. Kurz vor Beginn des Gipfeltreffens entschied sich auch die Wirtschaftsmacht Nigeria zur Ratifizierung; nur Eritrea und Benin sind jetzt noch außen vor.

Die AfCFTA ist ein zentraler Baustein der Entwicklungsstrategie Agenda 2063, die sich die AU im Jahr 2013 gegeben hat. Erastus Mwencha war als stellvertretender Präsident der AU-Kommission an der Ausarbeitung der Agenda 2063 beteiligt; heute ist er Vorstandschef der African Capacity Building Foundation, einer Unterorganisation der AU. Im Interview spricht er über die Chancen des Freihandels und darüber, was Afrika noch braucht.

ZEIT ONLINE: Herr Mwencha, was ist das Besondere an der Agenda 2063, der Entwicklungsstrategie der Afrikanischen Union?

Erastus Mwencha: Das Wichtigste ist, dass Afrika mit dieser Agenda sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Wir setzen unsere eigenen Prioritäten und wir stellen die Ressourcen bereit, um sie umzusetzen. Das heißt nicht, dass wir keine Unterstützung von außen bräuchten. Aber wir tragen die Verantwortung.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Prioritäten?

Mwencha: Die erste: sicherzustellen, dass Afrika sich industrialisieren kann, indem es seine Rohmaterialien selbst weiterverarbeitet und so einen Teil der Wertschöpfung bei sich behält. Die zweite: den Handel innerhalb Afrikas zu fördern und so Arbeitsplätze zu schaffen. Drittens wollen wir mit dem Rest der Welt zusammenarbeiten, wenn es um Investitionen und Technologie geht.

ZEIT ONLINE: Hier in Deutschland wird oft eher darüber gesprochen, dass vor allem ausländische Investitionen Afrika Entwicklung bringen könnten.

Mwencha: Wir begrüßen ausländische Investitionen, aber sie können nicht die alleinige Basis für Entwicklung sein. Es gibt kein einziges Land, das nur durch ausländische Investitionen oder ausländische Hilfe verändert worden wäre. Sie sind vielleicht die Kirsche auf der Torte, aber nicht die Torte selbst.

ZEIT ONLINE: Bisher schien die Entwicklungsstrategie vieler afrikanischer Länder eher auf den Export ausgerichtet. Ändert sich das jetzt?

Wenn wir uns nur auf den Export verlassen, wird es nicht funktionieren. Genau deshalb gibt es jetzt die afrikanische kontinentale Freihandelszone.

Mwencha: Wir brauchen eine ausreichende Binnennachfrage, um unsere Wirtschaft zu entwickeln. Wenn wir uns nur auf den Export verlassen, wird es nicht funktionieren. Genau deshalb gibt es jetzt die afrikanische kontinentale Freihandelszone. Der innerafrikanische Handel wächst; seine Quote nähert sich derzeit den 15 Prozent des gesamten Außenhandels seiner Mitgliedsländer. Natürlich – wir wollen mehr erreichen, in der Europäischen Union liegt die gleiche Quote etwa bei 60 Prozent.

Zudem findet man in den Statistiken des innerafrikanischen Handels mehr industriell hergestellte Güter als früher. Das zeigt, wo die Entwicklungschancen liegen. Wenn wir die Quote des Binnenhandels auf 25 Prozent steigern könnten und ein großer Teil davon Industriegüter wären, dann wäre das schon ein enormer Fortschritt.

ZEIT ONLINE: Welche Industriegüter sind das?

Mwencha: Wir können natürlich nicht in Hightech-Branchen mitmischen. Und viele Maschinen müssen wir importieren. Dafür brauchen wir ausländische Partner. Aber wir können Güter selbst produzieren, die in Deutschland nicht mehr hergestellt werden und deren Produktionskosten mittlerweile selbst in China steigen, weil auch die chinesische Gesellschaft wohlhabend wird. Afrikanische Länder füllen die Lücke. Und wir können unsere eigenen Ressourcen, zum Beispiel landwirtschaftliche Erzeugnisse, selbst veredeln und dadurch Mehrwert schaffen. Das ist eine ganz wichtige Möglichkeit.

ZEIT ONLINE: Geben Sie bitte ein Beispiel?