Heiko Rösch beaufsichtigt eine Science-Fiction-Armee in einer riesigen Halle, elf Fußballfelder groß. Die Halle ist sein Arbeitsplatz: Rösch leitet den Karosseriebau im Zwickauer VW-Werk. Rund um die Uhr wird hier im strengen Takt gearbeitet, damit es keine Produktionspausen gibt. Es herrscht ewiges Fabrikneonlicht. An diesem Ort ist der Unterschied von Tag und Nacht egal.

Nur noch wenige Menschen huschen durch die Gänge; hier haben Maschinen die Arbeit übernommen. Überall rotieren Metallarme, schweißen und montieren. Es ist wie ein kolossales Ballett von etwa 1.600 Robotern. Heiko Rösch hat sich an diese Kollegen längst gewöhnt. "Man braucht nur ein bisschen Mut, wenn man so etwas vorher noch nie bedient hat", sagt der 52-Jährige. "Aber so ein Roboter ist ja nicht böse."

Für den Ingenieur in hellgrauer Werkstattkutte ist das, was in Zwickau passiert, eine "technische Revolution". Rösch ist Fortschrittsfan, und Autos gehören zur Zwickauer Geschichte. Bald werden hier E-Autos die althergebrachten Modelle mit Verbrennungsmotor ersetzen. Dann ist Strom das neue Benzin.

Nur noch E-Autos ab 2020

Karosseriebauleiter Heiko Rösch – hier neben Bauteilen für den ID.3 – findet die Veränderungen im Werk gut. © Doreen Reinhard

Das Fabrikgelände in Zwickau-Mosel ist legendär. In der DDR baute man hier den Trabant, die Rennpappe der sozialistischen Nation. Nach dem Mauerfall wurde der VEB Sachsenring abgewickelt. Der Trabi verschwand, stattdessen kam Volkswagen und baute einen neuen Produktionsstandort auf. Inzwischen ist VW mit allen Zweigstellen der größte Arbeitgeber Sachsens. Am Zwickauer Standort arbeiten etwa 8.000 Menschen.

Im Unternehmensgeflecht von Volkswagen war die sächsische Produktion lange nur eine von vielen, doch nun wird sie zum Taktgeber des Konzerns. Bei der Energiewende, die VW als Vorreiter angehen will, wird vor allem der Zwickauer Standort massiv umgekrempelt. Das Werk wird komplett auf E-Mobilität umgestellt und zwar, weltweit einmalig unter den Autobauern, während des laufenden Betriebs. 1,2 Milliarden Euro investiert das Unternehmen. Derzeit läuft in Zwickau noch alle 1,6 Minuten ein Auto mit Verbrennungsmotor vom Band. Das letzte soll im Sommer 2020 das Werk verlassen. Ab dann gilt: Steckdose statt Tankstelle.

Bis zu dieser Frist durchläuft das Werk eine enorme Transformation. Schon die technische Umrüstung ist aufwendig, denn E-Autos werden völlig anders gebaut, außerdem kommen mehr Roboter ins Werk. Doch mindestens genauso viel Energie steckt der Konzern in den menschlichen Wandel. In der Personalabteilung nennt man das die "Änderung des Mindsets". Die Berufsbilder der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ändern sich. Deshalb müssen hier alle durch ihre eigene Energiewende.

Noch mehr Roboter

Heiko Rösch nennt die Karosseriebauhalle das "Prunkstück" des Werks, denn Roboter arbeiten hier schon lange. Nun werden es noch mehr, bis zu 85 Prozent Automatisierung sind das Ziel. Begeistert steht Rösch vor dem Karosserieskelett des neuen ID.3 – der ist ein zentrales Modell der VW-Elektro-Offensive. Rösch ist kein Auto-Nostalgiker. Er kommt aus der Region, das hört man seinem Dialekt an, doch Trabis haben ihn nie interessiert. "In der DDR hatte ich kein Auto, danach habe ich mir gleich einen GTI gekauft", erzählt er. "Ich habe eine hohe Affinität zu allem Neuen."

Nicht jeden hat die Nachricht vom Wandel so gefreut wie ihn. Schon länger kursierte unter den Kolleginnen und Kollegen eine Ahnung davon, dass sich etwas Grundlegendes verändern werde. Doch als sie im vergangenen Jahr erfuhren, dass Zwickau nun wirklich ein komplettes E-Werk wird, habe das erst mal "eine kurze Schockstarre ausgelöst", sagt Rösch. Der VW-Vorstand erklärte seine Strategie. Es gab Versammlungen und Diskussionen. "Viele Mitarbeiter wollten wissen: Was macht das mit mir?", erzählt Heiko Rösch. Fragen tauchten auf: Kann diese hundertprozentige Umstellung auf E-Autos wirklich gelingen? Kollegen hatten Angst, dass Jobs gestrichen werden, wenn mehr Maschinen übernehmen.