Patienten in Deutschland könnten einer Studie zufolge mit weniger als der Hälfte der Krankenhäuser deutlich besser versorgt werden. Die Zahl der Kliniken solle von aktuell knapp 1.400 auf weniger als 600 sinken, heißt es in einer Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die verbleibenden Häuser könnten dann mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten.

"Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung", schreiben die Wissenschaftler des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden. Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können.

Nur in ausreichend großen Krankenhäusern könnten Facharztstellen rund um die Uhr besetzt werden, heißt es in der Studie weiter. Auch Computertomografen und andere wichtige Geräte könnten dann in allen Kliniken bereitstehen. Vor allem die Qualität der Notfallversorgung und planbarer Operationen lasse sich so verbessern. Zudem könne der Mangel an Pflegekräften gemindert werden. Derzeit gebe es zu wenig medizinisches Personal, um die Klinikzahl aufrechtzuerhalten.

Das mag wissenschaftlich begründet sein, wäre für die Menschen aber verheerend.
Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Patienten- und Ärztevertretern kritisierten die Forderung. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sprach von einem "Kahlschlag". "Das mag wissenschaftlich begründet sein, wäre für die Menschen aber verheerend." Auch Patientinnen und Patienten, die keine Maximaltherapie benötigten, müssten in einem Krankenhaus gut behandelt werden können.

Auch die Bundesärztekammer reagierte ablehnend auf die Ergebnisse der Bertelsmann-Stiftung. Angesichts der Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse, die die Bundesregierung erst kürzlich eingesetzt habe, sei es "mehr als befremdlich, wenn die Bertelsmann-Stiftung jetzt pauschal die Schließung von 800 Krankenhäusern fordert", sagte Klaus Reinhardt, der Präsident der Ärztekammer. Schließlich habe die Kommission die Bedeutung einer gut erreichbaren, wohnortnahen Gesundheitsinfrastruktur herausgestellt. "Wer auch immer mit welchen Ideen den Krankenhaussektor verändern will, muss dem grundgesetzlichen Auftrag der Daseinsvorsorge, der Gleichheit der Lebensverhältnisse und dem Feuerwehrwehr-Prinzip der Krankenhäuser im Katastrophenfall gerecht werden."

Das Gesundheitsministerium reagierte zurückhaltend auf die Ergebnisse der Studie. "Wir haben diese Studie zur Kenntnis genommen und schauen uns die genauer an", sagte eine Sprecherin. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte zuletzt gesagt, dass Krankenhäuser vor Ort "für viele Bürger ein Stück Heimat" seien. Gerade in gesundheitlichen Notlagen brauche es eine schnell erreichbare Versorgung. Kliniken in ländlichen Regionen werden von den Krankenkassen künftig unterstützt. Ab dem kommenden Jahr sollen 120 Häuser jeweils 400.000 Euro erhalten.

Prekäre Lage vieler Krankenhäuser

In der Studie der Bertelsmann-Stiftung heißt es dagegen, die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses sei nur ein vermeintlicher Vorteil. Wenn dort kein Facharzt verfügbar sei, habe die Klinik einen gravierenden Qualitätsnachteil. Eine Fallstudie für die Region Köln/Leverkusen und den angrenzenden ländlichen Raum habe gezeigt, dass Patienten dort bei einer Verringerung der Zahl der Kliniken von 38 auf 14 im Durchschnitt keine viel längeren Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten.

Die finanzielle Lage vieler Krankenhäuser in Deutschland ist prekär. Aktuellen Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft zufolge hat jede dritte Klinik 2017 Verluste gemacht. Die sogenannten Rationalisierungsreserven seien mittlerweile ausgeschöpft, hatte die Krankenhausgesellschaft mitgeteilt.

Die Autoren der Bertelsmann-Studie schlagen einen zweistufigen Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich 600 Betten soll es etwa 50 Unikliniken und andere Versorger mit je 1.300 Betten geben. Aktuell hat ein Drittel der deutschen Krankenhäuser weniger als 100 Betten. Die Durchschnittsgröße der Kliniken liege bei unter 300 Betten.

Nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen in Deutschland zu viele Menschen ins Krankenhaus. Etwa fünf Millionen Patientinnen und Patienten pro Jahr könnten genauso gut ambulant behandelt oder operiert werden. Die Zahl der Krankenhausfälle ließe sich so bis 2030 auf 14 Millionen im Jahr senken. Das Forscherteam verwies darauf, dass die Zahl der sogenannten Bettentage pro Einwohner in Deutschland um 70 Prozent über dem Durchschnitt der vergleichbaren EU-Länder liege.