Do or die – für den neuen Premierminister Boris Johnson geht es von Tag eins seiner Amtszeit um alles. Entweder er liefert den versprochenen Brexit bis zum 31. Oktober oder seine politische Karriere ist mit großer Wahrscheinlichkeit beendet.

Dabei ist die Ausgangslage für ihn noch schwieriger als für seine Vorgängerin Theresa May. Das Parlament ist immer noch über alle Fraktionsgrenzen hinweg tief gespalten, die Mehrheit der Regierung hauchdünn. Sie könnte sogar noch kleiner werden, wenn zwei Nachwahlen am 1. August verloren gehen.

Zugleich kommen vorgezogene Neuwahlen angesichts des Sieges von Nigel Farages' Brexit-Partei bei der Europawahl erst in Betracht, wenn der Brexit vollzogen ist. Neue Verhandlungen mit der EU, die mehr als nur kosmetische Änderungen am Austrittsvertrag zum Ziel haben, haben die europäischen Verhandlungspartner mehr als einmal ausgeschlossen.

Was also macht Johnson? Er droht, entweder die EU rückt von ihrer Position ab oder Großbritannien verlässt die Union ohne Vertrag. Er versammelt dafür alle harten Brexiteers um sich, um eine maximal glaubhafte Drohkulisse aufzubauen. So wird die Regierung in diesen Tagen quasi von der Vote-Leave-Kampagne übernommen. Wir stellen die wichtigsten Personen in diesem riskanten Spiel vor.

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Der erzkonservative Jacob Rees-Mogg wird neuer Fraktionsvorsitzender der Tories im Unterhaus. Eine sehr wichtige Position, entfallen doch zwei Drittel der Sitzungen im Parlament auf Geschäfte, Gesetzesvorhaben und Debatten, die von der Regierung angestoßen werden. Es ist der Leader of the House, der bestimmt, wie die Tagesordnung aussieht, welche Möglichkeit die Abgeordneten der Partei haben, die nicht im Kabinett sitzen (Backbencher). 

Rees-Mogg kommt aus Somerset und ist Vorsitzender der European Research Group (ERG). Diese Gruppe von konservativen Abgeordneten besteht aus Brexit-Hardlinern, die einen großen Anteil daran haben, dass Theresa May zurückgetreten ist. Rees-Mogg lehnt Mays Austrittsvertrag rigoros ab und war der Erste, der Boris Johnson öffentlich als Nachfolger von ihr unterstützte. Er besuchte die Privatschule Eton, studierte dann Geschichte in Oxford und kennt die juristischen Winkelzüge des Parlaments besser als jeder andere. Im Unterhaus soll er sein Wissen und seine Erfahrung nutzen, um eine Revolte der EU-Anhänger in der eigenen Partei zu verhindern. Die warten nämlich bereits auf den richtigen Moment, um einen No Deal zu blockieren, möglicherweise mit einem Misstrauensvotum gegen Boris Johnson.

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Dominic Cummings wird eine Art graue Eminenz unter Boris Johnson sein. Er bekommt den Titel eines Special Advisors – kurz: SpAd. 2016 leitete Cummings den Wahlkampf für die Bewegung Vote Leave, die sich erfolgreich für einen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU einsetzte. Er formulierte den Slogan Take-back-control, er legte die Argumentation für den Brexit-Wahlkampf fest. Der Schauspieler Benedict Cumberbatch spielte ihn in The Uncivil War, einem Fernsehfilm über die Hintergründe der Brexit-Kampagne. Cummings wurde im März 2019 vom Parlament wegen Missachtung des Abgeordnetenhauses gerügt, weil er sich geweigert hatte, vor einem Untersuchungsausschuss zur Brexit-Kampagne und ihren Fehlinformationen auszusagen. David Cameron nannte Cummings einst einen "Karrierepsychopathen".

Mit Cummings zieht sein gesamtes Team in die Downing Street ein: die Posten des Pressechefs, des Kommunikationschefs sowie die Special Advisor für die Beziehungen zur Wirtschaft, für die Brexit-Strategie und im Schatzamt gehen alle an Mitarbeiter oder Mitglieder des Teams von Vote Leave.

Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Johnson die Regierung bereits so positioniert, dass sie im Zweifel auch eine zweite Volksabstimmung über den Brexit gewinnen könnte. Cummings sagte früher einmal, dass eine solche im Jahr 2020 nicht ausgeschlossen sei und die Pro-Leave-Seite dann umso deutlicher gewinnen werde.

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Dominic Raab wurde sehr schnell vom Gegner Johnsons im Rennen um das Amt des Premierministers zu seinem Verbündeten. Unter Johnson wird er nun Außenminister. Raab war immerhin vier Monate – zwischen Juli und November 2018 – für die Brexit-Verhandlungen mit der EU zuständig und gehört zu den Hardlinern unter den Austrittsbefürwortern. Mays Deal mit der EU hat er abgelehnt und trat zurück, als er mitbekam, dass Boris Johnson den Umsturz der Regierung plant.

Ein "Nein" des Parlaments zu einem No Deal hat für ihn nach eigener Aussage "keine rechtliche Bindung" und könnte einfach umgangen werden. Sollte Großbritannien die EU ohne Abkommen verlassen müssen, trage die Verantwortung dafür die EU, argumentiert Raab. Starke Kritik erntete er, als er im November auf einer Technologiekonferenz einräumte, er habe nicht ganz verstanden, wie abhängig Großbritannien vom Handel zwischen Dover und Calais sei.

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Priti Patel wird neue Innenministerin und gilt als glühende Verehrerin von Boris Johnson, vor allem aber von Margaret Thatcher. Nach einigen Jahren in der Wirtschaft, kehrte sie unter Premierminister David Cameron in die Politik zurück. Die studierte Ökonomin machte erst die Pressearbeit bei der Referendum-Partei, wechselte dann in die Presseabteilung der Konservativen Partei.

Sie bildete mit den jetzt ins Kabinett berufenen Ministern Dominic Raab und Kwasi Kwarteng die "Neue Rechte" in der konservativen Partei, die eine straffe Thatcher-Politik befürwortet: möglichst wenig Staat und möglichst viel Markt. In der Brexit-Kampagne war sie das weibliche Aushängeschild von Vote Leave. Nachdem der Terrorist Troy Davis 2011 in den USA zum Tode verurteilt worden war, trat Patel in einem BBC-Interview für die Wiedereinführung der Todesstrafe als Abschreckung für Mörder und Vergewaltiger ein.

Im November 2017 musste die 47 Jahre alte Politikerin zurücktreten, nachdem herauskam, dass sie sich als Entwicklungshilfeministerin "im Urlaub" auf den Golanhöhen mit Vertretern der israelischen Regierung getroffen hatte, ohne dass Theresa May dies wusste. Patel trat gegen weitere Hilfe für die Palästinenser ein. Boris Johnson wusste als damaliger Außenminister von ihren Treffen.

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Michael Gove wird Chancellor der Duchy of Lancaster. Dabei handelt es sich um einen extrem wichtigen Posten, weil man ihn mit Sonderaufgaben betrauen kann. Derzeit lautet die wichtigste: Das Land, die Wirtschaft und die Bürger auf einen No Deal vorzubereiten.

Gove hat sich frühzeitig auf die Seite der Leave-Befürworter geschlagen. Er prägte den Slogan in der Brexit-Kampagne, dass auf die Argumente der sogenannten Experten nicht gehört werden müsse, weil sie ohnehin immer falschliegen würden. Kurz vor Johnsons erster Kandidatur als Premierminister verkündete Gove im Juni 2016, dass sich dieser nicht für das Amt eigne. Regierungschef wurde am Ende keiner von beiden, sondern Theresa May. Um ihr nicht auch noch in den Rücken zu fallen und damit jegliche Glaubwürdigkeit zu verlieren, hielt er ihr als Umweltminister bis zum Schluss die Treue.

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Amber Rudd bleibt Arbeitsministerin. Sie gehörte dem Kabinett von Theresa May an und war lange Zeit gegen einen Brexit. Rudd war jedoch nie voll überzeugte EU-Anhängerin. Vor zwei Wochen änderte sie ihre Rhetorik vollends, als sie beschloss, in ein mögliches Johnson Kabinett einzutreten, um ihr Ministeramt zu behalten.

Jetzt ist sie quasi das Aushängeschild von Johnson. Er will demonstrieren, dass auch so genannte remainer in seinem Kabinett vertreten sind. Nur: Alle Kabinettsmitglieder mussten sich verpflichten, dass sie die Politik und Zielrichtung von Johnson unterstützen, Großbritannien am 31. Oktober aus der EU zu führen – im Zweifel auch ohne Vereinbarung mit der EU.

Es ist genau diese harte Politik, die Rudd lange Zeit bekämpfte und für schädlich hielt. Nun argumentiert sie, dass sie "von innen heraus" mehr bewirken könne.

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Sajid Javid war Innenminister unter Theresa May und wird jetzt Schatzkanzler. Sein Vorgänger im Amt, Philip Hammond, hat sich immer für einen Verbleib in der EU und gegen einen No Deal ausgesprochen.

Um einen Austritt ohne Abkommen zu verhindern, weigert sich Hammond bis zuletzt, notwendige Finanzmittel für die Vorbereitung auf ein solches Szenario freizugeben. Er trat zurück, als klar war, dass Boris Johnson Premierminister wird.

Mit Javid hat es Johnson künftig leichter. Er war zwar 2016 remainer, ist aber mittlerweile in das Lager der Brexiteers gewechselt. Als Schatzkanzler wird er auch über den nächsten Gouverneur der britischen Notenbank mitbestimmen. Der jetzige Zentralbankchef, Mark Carney, hat den Brexit immer kritisiert, wird aber im Januar 2020 abtreten. Favorit ist der Banker Gerard Lyons, der ebenfalls Vertreter eines harten Brexits ist.