Ein sonniger Vormittag an der Kliment-von-Ohrid-Universität von Sofia. Auf dem Vorplatz blühen Sträucher, gerade feiert eine Gruppe Studentinnen und Studenten ihren Abschluss. Wie in einem amerikanischen Film werfen sie schwarze Hüte der Sonne entgegen, während die Eltern den Moment stolz mit ihren Smartphones festhalten. Diesen jungen Bulgaren stehen nun alle Türen offen. Doch welchen Weg werden sie einschlagen?

Weil das Land das wirtschaftliche Schlusslicht der EU darstellt und die Bevölkerung in keinem Land der Welt so schnell schrumpft wie hier, findet sich dieser Weg meist auf einer europäischen Landkarte: Deutschland, England, vielleicht Skandinavien oder Frankreich. Wer kann, geht ins Ausland. Schätzungen zufolge sollen mehr als 1,2 Millionen Bulgarinnen und Bulgaren im Ausland leben – eine enorme Zahl für ein Land, dessen offizielle Bevölkerungszahl gerade auf unter sieben Millionen gefallen ist.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs kämpft Bulgarien mit enormer Abwanderung, in den vergangenen Jahren aber lässt sich auch ein anderer Trend erkennen: Junge Menschen, die auszogen, um gut ausgebildet wieder zurückzukehren. Vollgepackt mit Know-how wollen sie die heimische Wirtschaft in Schwung bringen und dabei helfen, ein Land an westeuropäische Standards heranzuführen, das bisher nur auf dem Papier Teil der EU war.

"Noch ist Bulgarien der Wilde Westen Europas"

Borislaw Petrow ist einer von ihnen. Bis vor Kurzem zählte der erfolgreiche Ingenieur zu den 340.000 Bulgaren, die lieber in Deutschland lebten und arbeiteten, mehrere Jahre verbrachte er auch in der Schweiz. Im Sommer 2017 zog er zurück in die Heimat, gründete in Sofia das Start-up RiLabs, das Ideen für das Internet der Dinge entwickelt. "Es ist eine goldene Zeit, eine Firma zu starten", sagt Petrow.

Drei Mitarbeiter hat RiLabs heute. Petrow und sein Jugendfreund Vasil Nikolow, der als Softwareentwickler in der Automobilbranche in Stuttgart arbeitete, sind der Innovationsmotor. Etwa wenn es um effizientere Bewässerung in der Landwirtschaft geht: Auf dem winzigen Balkon des Büros, das sie im fünften Stock eines unscheinbaren Wohnhauses mieten, zeigt Petrow stolz, wie die hier programmierten Platinen durch genaue Messung von Wind und Feuchtigkeit etwa die Wahrscheinlichkeit von Pilzbefällen vorhersagen können. 

Borislaw Petrow im Büro von RiLabs in Sofia © Arno Friebes für ZEIT ONLINE

Eine Vielzahl moderner Bürokomplexe und staatlich geförderter Start-up-Inkubatoren, wie man sie aus deutschen Großstädten kennt, sucht man in Sofia zwar vergebens, dafür scheint die Hauptstadt aber an der Schwelle zu großen Veränderungen zu stehen. "Noch ist Bulgarien der Wilde Westen Europas", sagt Petrow. "In ein paar Jahren ist hier aber alles gesettelt. Wir haben schon jetzt gute Aufträge und Kunden akquirieren können." In seinem vorigen Job, Projektleiter bei Siemens im Großraum Zürich, hätte er weiter aufsteigen können. Trotzdem kam es zu einem inneren Bruch, wie er es selbst beschreibt: "Ich wollte zurück in die Heimat und hatte erkannt, dass ich Leute führen und Entscheidungen treffen kann", sagt Petrow. "Beim Essen kommt der Appetit."

"Meine ganze Klasse ging nach Deutschland"

Petrow stammt aus einem gebildeten Elternhaus und war trotzdem arm. Die Mutter, Radiologin, verdiente etwa 300 Euro monatlich, der Vater, ein Nachrichtentechnikingenieur, kaum mehr. Wer sich in den Nullerjahren in Bulgarien die Frage nach einer besseren Zukunft stellte, konnte sie fast nur in einem anderen Land beantworten: "Meine ganze Klasse ging nach Deutschland", sagt Petrow. Als er sich mit 19 Jahren in seinem Heimatort in einen Nachtbus setzte, habe er nur ein Fotoalbum, einen MP3-Player und Fertigsuppen im Gepäck gehabt. 30 Stunden und fast 2.000 Kilometer später erreichte er Mannheim.

Erinnerung an die Zeit in Deutschland: Borislaw Petrows Tasse © Arno Friebes für ZEIT ONLINE

Die Tristesse der Chemiestadt schockiert nicht nur Deutsche, die sie oft als eine der hässlichsten Städte der Bundesrepublik bezeichnen – Mannheim ließ auch Petrow zweifeln. Dank seiner ausgezeichneten Noten bekam er dort aber einen Platz im internationalen Studiengang für Automatisierungstechnik. Deutsch konnte er damals noch nicht. "Es war wie heute mit den syrischen Asylbewerbern, der einzige Unterschied war, dass ich schon ein Zimmer reserviert hatte", sagt Petrow. Um das Zimmer bezahlen zu können, arbeitete er Frühschichten in Fabriken, als Zeitarbeiter auf Baustellen oder sortierte Lebensmittel im Großmarkt.