Auf dieses Erbe seiner politischen Ära ist Ingolf Roßberg stolz. Immer wieder bleibt er stehen, breitet beide Arme aus. Er sagt: "Hier war früher nichts." Roßberg läuft in kurzen Schritten über den Dresdner Neumarkt, dreht eine Schleife an der Frauenkirche vorbei, nennt die Namen diverser Investoren, die in den vergangenen Jahren die historische Kulisse wiederaufgebaut haben. Roßberg sagt, er habe stets daran geglaubt, dass Dresden eine Zukunft habe. Der Neumarkt sei für ihn ein Symbol des Aufschwungs dieser Stadt. Und der war auch möglich, weil Roßberg damals bereit war zu handeln.

Eine Passantin dreht sich nach Roßberg um, sie scheint zu überlegen, ob das der frühere Dresdner Oberbürgermeister ist oder doch nur einer dieser älteren Herren in Polohemd und Freizeitjacke, wie sie von Reisebussen gruppenweise in der Altstadt ausgesetzt werden. Aber Roßberg ist von hier. Sieben Jahre lang stand er für die FDP an der Spitze der Stadtverwaltung, in einer Zeit, als der Wirtschaftsboom in Dresden noch nicht eingesetzt hatte. "Das Jahr 2004 war das schlimmste", sagt Roßberg. "Es ging fast nichts mehr."

Die Stadt hatte damals horrend hohe Schulden, 798 Millionen Euro. Jeder Haushalt musste im Pingpong mit dem sächsischen Regierungspräsidium ausgehandelt werden. Roßberg legte Budgetentwürfe vor, die übergeordnete Behörde verlangte neue Kürzungen, in Kultur, in Bildung und Sozialem. Allein für den Schuldendienst mussten pro Jahr 70 Millionen Euro aufgebracht werden. "Mir ist schließlich der Kragen geplatzt", sagt Roßberg heute. "Ich wollte den Befreiungsschlag." Und der sah so aus: Die Stadt Dresden verkaufte im Jahr 2006 alle Anteile an ihrer kommunalen Wohnungsgesellschaft Woba mit mehr als 47.000 Wohnungen, den gesamten städtischen Bestand. Gekauft hat die Wohnungen ein Investor aus den USA, der sie später weiterverkaufte.

Schuldenfrei auf einen Schlag

Eine solche Radikalkur hatte es in der Republik bisher nicht gegeben. Dresden machte bundesweit Schlagzeilen. Die Unionsfraktion im Bundestag lobte Roßbergs Initiative als vorbildlich, sie sei ein gutes Beispiel für nachhaltige Kommunalpolitik. Die Entscheidung passte in den wirtschaftsliberalen Zeitgeist. Auch in anderen Regionen, gerade in Ostdeutschland, standen viele Wohnungen leer. In Deutschlands rechnete man insgesamt mit einem Rückgang der Bevölkerung aufgrund des negativen demografischen Trends: mehr Alte, weniger Kinder. Andere Städte verkauften ebenfalls große Teile ihres Wohnungsbestands, um ihre Schulden zu verringern.

Aber niemand ging so weit wie Roßberg. 981 Millionen Euro nahm die Stadt durch den Verkauf ein. Dresden war auf einen Schlag schuldenfrei. Und hatte noch mehr als 200 Millionen Euro übrig.

Damals gab es in der Stadt einen breiten politischen Konsens für den Verkauf, selbst einige Linke im Stadtrat stimmten dafür. Jetzt, 13 Jahre später, hat sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt aber vollkommen gedreht. Dresden hat einen wirtschaftlichen Boom erlebt. Die Bevölkerung ist seit dem Jahr 2000 stetig gewachsen: 85.000 Menschen sind dazugekommen. Der Wohnraum wird knapper, die Mieten steigen – zwar nicht so schnell wie in den westdeutschen Städten, aber auch die Gehälter sind in Dresden insgesamt niedriger. Wohnen wird für die Menschen damit immer teurer. War es ein Fehler, damals alle städtischen Wohnungen zu verkaufen? Hat Roßberg seine Entscheidung bereut?

Ingolf Roßberg, Dresdens früherer Oberbürgermeister

Zu wenige Wohnungen für Familien

In Dresden-Neustadt klebt der Bürgersteig. Gestern Abend wurde auf der Alaunstraße wieder gefeiert, wie so häufig in dem Viertel mit den vielen Cafés und Kneipen, in das es die jungen Menschen zieht, die Studierenden, die Hippen. Am Morgen danach radeln Väter und Mütter mit ihren Kinderanhängern durch die Straßen. Thomas Löser wohnt auch hier, man erkennt ihn an seiner Schirmmütze, die schief auf dem Kopf sitzt. Löser, 47 Jahre alt und Gymnasiallehrer, ist einer der beiden Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Dresdener Stadtrat. Früher war er Hausbesetzer in dem Viertel mit den vielen Altbauten. In der Neustadt fahren die Grünen regelmäßig ihre besten Ergebnisse ein. Aber auch stadtweit gingen sie in Dresden als Sieger aus der jüngsten Kommunalwahl Ende Mai hervor und sind nun die stärkste Kraft im Rat.

"Die Mieten hier sind in letzter Zeit schon heftig gestiegen", sagt Löser. "Versuchen Sie mal, als Familie mit Kindern eine angemessene Wohnung zu finden." Gleiches gelte auch für ähnlich beliebte Gegenden in der Dresdener Innenstadt. Und wie sieht der Grünenpolitiker angesichts dieser Entwicklungen die Privatisierung der Woba vor 13 Jahren? "Man hätte nicht alle Wohnungen verkaufen sollen, nur einen Teil davon", sagt Löser. Dafür habe damals auch seine Partei plädiert.

Aber im Nachhinein lasse sich das leicht sagen. Klar sei nämlich auch, dass die Stadt für einen Teilverkauf deutlich weniger Geld bekommen hätte. "Das ganze Paket war viel wertvoller", sagt Löser. Und dennoch sei absehbar, dass der Bedarf vor allem an Sozialwohnungen künftig steigen werde. Für 10.000 Wohnungen hatte die Stadt damals beim Verkauf ein Belegungsrecht verhandelt, um sozial schwache Mieter unterzubringen. Doch diese Regelung läuft spätestens im Jahr 2036 aus. Dann können auch diese Wohnungen zu höheren Preisen an den Markt gehen.