Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall Rainer Dulger hat diese Woche gedroht, viele Unternehmen seiner Branche würden wegen exzessiver Forderungen der Gewerkschaften aus den Tarifverträgen aussteigen. Er hat damit für Aufsehen und Verunsicherung gesorgt. Die Warnung kam für viele unerwartet, denn kaum eine Branche war in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten so erfolgreich wie die Metall- und Elektroindustrie. Sie könnte jedoch eine Vorwarnung für einen sich verschärfenden Arbeitskampf in den kommenden Jahren sein. Dieser würde der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft großen Schaden zufügen.

Die Drohung des Gesamtmetall-Präsidenten überrascht auf den ersten Blick: Die vor anderthalb Jahren mit der IG Metall ausgehandelte Lohnsteigerung (4,3 Prozent plus Sonderzahlungen für den Zeitraum Januar 2018 bis März 2020) scheint erst einmal alles andere als exzessiv zu sein. Bei einer jährlichen Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent und einem ordentlichen Produktivitätswachstum in der Branche sollten Unternehmen eine solche Steigerung verkraften können. Zudem wurde die Arbeitszeit flexibler geregelt.

In den vergangenen 20 Jahren sind die Lohnsteigerungen und die Zuwächse der gesamten Lohnstückkosten in Deutschland im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich gewesen. So gesehen ist die Lohnentwicklung, auch in der Metallbranche, sicherlich keine unmittelbare Bedrohung, sondern war eher ein Standortvorteil für die Unternehmen.

Hinzu kommt, dass zur Metallbranche – sie umfasst den Maschinenbau, die Automobilhersteller und ihre Zulieferer sowie Produzenten von Elektroprodukten – viele sogenannte hidden champions gehören. Das sind Unternehmen, die international extrem wettbewerbsfähig sind und einen großen Anteil am Exporterfolg der deutschen Volkswirtschaft haben. Die Erträge der meisten Firmen sind nach wie vor sehr gut, sodass sich der Bundesfinanzminister jedes Jahr über Rekordeinnahmen auch bei den Unternehmenssteuern freuen darf.

Das Argument, eine schwächere Konjunktur erfordere geringere Tarifabschlüsse, überzeugt nicht. Denn das geringere Wachstum der deutschen Exporte hat nichts mit fehlender Wettbewerbsfähigkeit, sondern mit der globalen Weltwirtschaft und dem sich zuspitzenden Handelskonflikt zu tun. Eine schwächere Lohnentwicklung in Deutschland würde nicht die Exporte stärken, sondern lediglich die Binnenwirtschaft schwächen. Es ist vor allem der Konsum der Haushalte, der zurzeit das Wachstum und auch die Beschäftigung in Deutschland stützt. Bleiben Lohnsteigerungen aus oder fallen sie mickrig aus, werden die Haushalte aber weniger Geld ausgeben.

Wie man es also dreht, die Klage des Präsidenten von Gesamtmetall scheint nicht mit den Fakten der Vergangenheit übereinzustimmen. Die Vermutung liegt nahe, dass seine Sorge den kommenden Tarifverhandlungen gilt. Denn das Blatt scheint sich zu wenden und den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in die Karten zu spielen. Der Fachkräftemangel in Deutschland macht mittlerweile vielen Branchen zu schaffen. Das Problem dürfte sich weiter verschärfen, je mehr Babyboomer in Rente gehen. Zudem zeigen die ersten Zahlen, dass das sogenannte Fachkräftezuwanderungsgesetz eher zu einem Fachkräftezuwanderungsverhinderungsgesetz mutiert ist: Die Bedingungen für Fachkräfte aus Drittländern, also nicht EU-Ländern, nach Deutschland zu kommen, sind so unattraktiv, dass sie lieber andere Länder bevorzugen.