Von diesen Staaten aber gibt es viele, und genau sie will Europa doch als Verbündete gewinnen, um multilaterales Vorgehen gegen die Großmächte zu verteidigen, die ihren geopolitischen und geoökonomischen Vorteil durch Zwang und Druck verfolgen. Dazu hat Deutschland gemeinsam mit Frankreich die Allianz für Multilateralismus ins Leben gerufen, um "mit Partnern weltweit ein Netzwerk von Gleichgesinnten zu knüpfen" und "die regelbasierte Weltordnung zu stabilisieren, ihre Prinzipien zu wahren und dort, wo notwendig, auch an neue Herausforderungen anzupassen".

Das ist eine gute Idee. Aber wer behauptet, für einen "repräsentativeren" Multilateralismus einzustehen, wie Deutschland und Frankreich es tun, der muss seinen Worten auch Taten folgen lassen, um glaubwürdig nicht westliche Partner gewinnen zu können.

Da trifft es sich nur allzu gut, dass es auf dem Papier schon seit 2016 Vorgaben gibt, um die IWF-Spitze in einem offenen und meritokratischen Verfahren zu besetzen. Demnach können der Aufsichtsrat und die Direktoren des Weltwährungsfonds Kandidaten und Kandidatinnen aus den Mitgliedsstaaten benennen. Europa sollte sich dafür einsetzen, dieses Verfahren endlich anzuwenden, und danach jene Person unterstützen, die am überzeugendsten für eine Stärkung des IWF einzutreten verspricht.

Pfründe verteidigen

Im Rahmen der Auswahlgespräche sollten europäische Vertreter die Bewerber auch danach befragen, wie sie eine sich vertiefende Krise in der Eurozone, etwa ausgelöst durch Italien, handhaben würden. Das ist höchst relevant aus europäischer Sicht, war das Griechenland-Programm doch das größte in der Geschichte des IWF.

Doch das Argument, dass es deshalb jemanden aus Europa an der IWF-Spitze benötigt, das Merkel 2011 ins Feld führte, ist abwegig. Denn während der lateinamerikanischen oder asiatischen Finanzkrisen hat auch kein Europäer verlangt, ein IWF-Chef aus der betroffenen Region müsse die bitteren Reformen, die der Währungsfonds verlangte, dort verantworten.

Die Welt hat sich in der Tat verändert, wie Angela Merkel vergangene Woche bemerkte. Doch die Kanzlerin scheint die Veränderungen nicht ganz verstanden zu haben – und auch nicht, wie darauf zu reagieren ist. Mit ihrem Kampf für jemanden aus Europa auf dem IWF-Chefsessel senden Deutschland und Frankreich ein fatales Signal: Die Europäer wollen so lange wie möglich an überkommenen Besitzständen festhalten, und ihre Pfründe verteidigen sie mit allen Mitteln.

Dass nicht westliche Staaten zu uneinig sind, um einen gemeinsamen Gegenkandidaten zu präsentieren, sollte Europa nicht als Zustimmung missverstehen. Schon 2011 sagte der ehemalige südafrikanische Finanzminister Trevor Manuel, dass "man viel mehr hätte tun können und sollen, um die Europäer davon zu überzeugen, dass dieses Geburtsrecht kein Geburtsrecht ist". Deshalb wäre es jetzt an der Zeit für Europa, entsprechend zu handeln.

Die EU muss in strategische Autonomie investieren, um ihre Interessen in einer gegenüber Europas Prinzipien immer feindseligeren Welt verteidigen zu können. Gleichzeitig sollte sie überkommene Privilegien wie den Anspruch auf den IWF-Chefsessel aufgeben. Es wäre eine überfällige Investition in Europas Glaubwürdigkeit auf der globalen Bühne.