Götz Ulrich hat die Wut erlebt. Den Ärger über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, der die AfD hier im Süden von Sachsen-Anhalt groß gemacht hat. Da wurden auf Bürgerversammlungen plötzlich Rechtsextreme beklatscht, berichtet der CDU-Politiker. Er hebt die Stimme und haut mit der Hand auf den Tisch, sodass die Kaffeetasse vor ihm scheppert: "'Schmeißt sie alle raus. Wir brauchen eine starke Hand, wir brauchen einen Führer'", äfft Ulrich nach. Er senkt die Stimme wieder. "Solche Sprüche wurden da geklopft." Heute, einige Jahre später, diskutiert er mit den Menschen hier ein anderes Thema: den Kohleausstieg. Die Wut, befürchtet er, kommt mit dem Streit über die Klimapolitik zurück.

Ulrich ist Landrat des Burgenlandkreises, der im mitteldeutschen Braunkohlerevier liegt. Aktivistinnen und Aktivisten der Bewegung Fridays for Future demonstrierten auch hier für mehr Klimaschutz und einen früheren Kohleausstieg, etwa in der Stadt Naumburg. Oder auch im nahe gelegenen Halle an der Saale. Doch anders als in vielen – vor allem westdeutschen – Städten verfangen ihre Forderungen in der Region nicht so recht: Bei der Europawahl hat hier Ende Juni die Mehrheit AfD gewählt, nicht die Grünen. Denn hier ist die Kohleindustrie einer der wichtigsten Arbeitgeber und das Ansehen der Branche groß, nach wie vor.

Den ersten großen Strukturbruch hat Mitteldeutschland schon hinter sich. 1989 waren noch 60.000 Menschen in der Kohlindustrie beschäftigt. Doch mit der Deutschen Einheit und der Einführung der D-Mark war die Produktion in Ostdeutschland plötzlich zu teuer für den Weltmarkt, die Auswirkungen der Industrie auf die Umwelt zu groß und Öl und Gas lösten Kohlebriketts als Heizmittel ab. Zehntausende Arbeitsplätze fielen weg. Heute hängen im mitteldeutschen Revier noch etwa 2.900 Jobs direkt an der Kohle. Schätzungen zufolge wären zudem etwa 8.000 Beschäftigte bei Dienstleistern der Industrie vom Strukturwandel betroffen.

"Das Klima zu verheizen geht gar nicht"

Im Vergleich zu DDR-Zeiten ist das nicht mehr viel. Doch es geht um die Kohle – und da ist der Aufschrei in Deutschland traditionell groß. Im Burgenlandkreis liegt das auch daran, dass die Arbeit in der Branche verhältnismäßig gut bezahlt ist, die Kaufkraft der Kohlearbeiter stärkt die Region. Andere Arbeitgeber wie Südzucker in der Stadt Zeitz haben sich auch wegen des günstigen Kohlestroms hier angesiedelt. Manche fürchten, dass das Unternehmen den Standort mit dem Ende der Kohleverstromung infrage stellt.

Für die Aktivistinnen und Aktivisten der Bewegung Fridays for Future zählt diese Begeisterung für den Kohleabbau nicht. "Wegen einiger Arbeitsplätze das Klima zu verheizen, geht gar nicht", sagt Peter von Lampe aus Halle an der Saale. Er hat sich mit einem Dutzend weiterer Jugendlicher im Garten der ehemaligen Stadtgärtnerei von Halle versammelt, einem Treffpunkt für linke Aktivisten. Bei knapp 30 Grad planen sie auf einer Wiese hinter einem alten Gewächshaus den nächsten Schülerstreik. Die Spitzen der Grashalme sind schon gelb. "Nach dem Hitzesommer 2018 mit der Dürre und den Waldbränden, da war klar, wir müssen etwas machen", sagt von Lampe.