Hohe Belastungen im Job verringern die Lebenserwartung

Belastungen im Job beeinflussen maßgeblich, wie alt jemand wird. Das gilt vor allem für Männer, stellt eine repräsentative Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen fest.

Laut der Studie haben die heute über 65-jährigen Männer, die lange in schlecht bezahlten Berufen mit einer starken Belastung gearbeitet haben, eine deutlich geringere Lebenserwartung. Sie werden der gängigen Forschung nach im Schnitt 75 Jahre alt. Dagegen werden heutige Rentner, die wenigen Belastungen ausgesetzt waren und gut verdient haben, sogar über 80 Jahre alt.

Als Belastungen gelten Tätigkeiten, die gefährlich oder körperlich stark anstrengend sind. Schichtarbeiten zum Beispiel gehören dazu. Jedoch gelten auch psychische Einflussfaktoren wie sehr viel Stress und emotionale Herausforderungen als Belastungen. Die Studie geht davon aus, dass Besserverdiener in der Regel Arbeit nachgehen, die weniger starke psychische und physische Belastungen verursacht.

Ungleichheit wird zunehmen

Weil die Lebenserwartung der Deutschen wegen der medizinischen Fortschritte weiter steigt, gehen die Forscherinnen und Forscher davon aus, dass sich die Ungleichheit in Zukunft sogar vergrößert.

Laut der Untersuchung stagniert die Lebenserwartung der Ärmeren nämlich, während die der Besserverdienenden stetig steigt. Für die 1960 geborenen Männer heißt das: Ohne Belastungen und bei gutem Einkommen liegt die Lebenserwartung bei 86 Jahren, mit aber weiterhin nur bei 75 Jahren. 

Bei den Frauen hingegen gibt es geringere Unterschiede: Selbst wenn sie ihr Leben lang hart gearbeitet haben, schlecht bezahlt wurden und in ihren Jobs erheblichen Belastungen ausgesetzt waren, können sie nach Renteneintritt im Schnitt noch mit mindesten 15 weiteren Lebensjahren rechnen. Reiche Frauen haben durchschnittlich noch 19 Jahre Lebenszeit nach Renteneintritt. Viele 1960 geborene Frauen erreichen mit großer Wahrscheinlichkeit das 90. Lebensjahr. 

Woran liegt das? Frauen werden generell älter und kümmern sich häufiger intensiver um ihre Gesundheit als Männer. Auch spielt eine Rolle, dass Frauen häufig besser als Männer sozial eingebunden sind und das auch im Alter wichtig ist. Die Autorinnen und Autoren der Untersuchung vermuten aber auch, dass es eine statistische Verzerrung gibt. Denn für die Untersuchung wurden nur die Daten von Personen ausgewertet, die bereits 65 Jahre alt sind und zwischen 1919 und 1950 geboren wurden. In diesen Generationen waren viele Männer in besonders körperlich belastenden Branchen wie etwa in der Landwirtschaft oder im Bergbau tätig. Und Beschäftigte dieser Branchen haben eine generell niedrige Lebenserwartung. Nichtsdestotrotz sind auch viele typische weibliche Berufe von körperlicher Anstrengung und psychischem Stress geprägt, denkt man an Putzkräfte, Altenpflegerinnen und Krankenschwestern, Beschäftigten in Küche und Gastronomie.

Beamte haben eine längere Lebenserwartung

Die Studie findet aber noch ein anderes Indiz, das den Unterschied zwischen den Geschlechtern erklären könnte: Für viele Frauen wirkt sich offenbar positiv auf die Lebenserwartung aus, dass sie ihre Erwerbsarbeit für die Erziehung von Kindern unterbrochen oder reduziert haben und insofern nicht den Belastungen durch einen besonders anstrengenden Beruf ausgesetzt waren.

Ansonsten zeigt sich aber der umgekehrte Zusammenhang: Bis zum Renteneintritt zu arbeiten, kann wohl gut für die Gesundheit sein. Immerhin garantiert Arbeit soziale Teilhabe und sorgt in der Regel für ein Leben oberhalb des Existenzminimums. Und wer in der Lage ist, bis zum Renteneintrittsalter vollzeit zu arbeiten, hat in der Regel auch eine gute Gesundheit. Bekannt ist auch: Phasen der Nicht-Erwerbstätsigkeit erhöhen das Armutsrisiko. Mehrere Studien zeigen, dass Langzeitarbeitslose besonders oft unter Depressionen leiden, die nicht Ursache, sondern Folge der Arbeitslosigkeit sind.

Und noch etwas stellt die Studie fest: Beamtinnen und Beamte leben länger als Angestellte und Arbeiterinnen und Arbeiter und sogar Selbständige. Die Autorinnen und Autoren erklären dies einerseits mit dem Gesundheitscheck zu Beginn der Auswahl und andererseits mit dem hohen Status und Einkommen dieser Gruppe. Außerdem bemerkenswert: Bei Migrantinnen und Migranten zeigt sich der Zusammenhang zwischen belastenden Jobs und der Lebenserwartung nicht so deutlich. Hier vermuten die Forscherinnen und Forscher, dass vor allem jene auswandern, die überdurchschnittlich gut mit Belastungen umgehen können.

Bei Migrantinnen und Migranten zeigt sich der Effekt weniger stark

Für die Verfasser der Studie ist die Untersuchung nur ein Auftakt, das Thema Auswirkungen von Ungleichheit noch stärker ins Auge zu nehmen – auch müsse die Reduzierung von Arbeitsbelastungen ein politisches Ziel sein. In der Vergangenheit wurde der Zusammenhang zwischen Armut und Lebenserwartung vielfach wissenschaftlich untersucht – bisher fehlte für Deutschland aber noch eine Studie, die die Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkungen in den Blick nahm.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert angesichts der Ergebnisse ein Umdenken bei der Rentenpolitik. Dass ausgerechnet Beschäftigte mit hoher Arbeitsbelastung früher sterben und damit kürzere Zeit Renten erhielten, sei ungerecht, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Die Übergänge aus dem Erwerbsleben in die Rente müssten daher flexibler gestaltet werden.

Für die Untersuchung hatten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Daten von fast 4.000 Männern und Frauen aus dem Sozio-oekonomischen Panel ausgewertet und mit einem Index, der die Arbeitsbelastung misst und vergleichbar macht, auf Grundlage der Erwerbstätigenbefragung 2005/2005 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und des Bundesinstituts für Berufsbildung zusammengebracht. Die Studie gilt als repräsentativ.