Ein Mittag im BMW-Werk von San Luis Potosí, einer Großstadt in Zentralmexiko, etwa 400 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt: Die Maschinen in der sauberen Produktionshalle arbeiten fast geräuschlos. Drei Roboterköpfe drehen sich nach links, dann nach rechts, dann winden sie sich um eine Karosserie herum nach oben. Funken sprühen. Hier fertigt BMW Karosserien für die 3er-Serie. 500 Roboter haben die Aufgabe, 5.000 Schweißpunkte millimetergenau in die Karosserie zu setzen. Nebenan prüfen andere Hightech-Roboter per Ultraschall, ob die Punkte auch präzise gesetzt wurden.

Roboter, die Autos zusammensetzen, waren vor 15 Jahren hier noch nicht in Sicht. Stattdessen wuchsen in Villa de Reyes Kakteen und andere Wüstenpflanzen. Doch seither hat sich das einst karge Ödland, circa 30 Kilometer vom Stadtzentrum von San Luis Potosí entfernt, in eine gigantische Industrielandschaft verwandelt. Die geographische Nähe zu den USA, die vergleichsweise niedrigen Löhne, die Freihandelsverträge, die Mexiko mit mehr als 40 Ländern unterzeichnet hat, und in den vergangenen Jahren auch ein dichtes Zulieferernetz haben viele ausländische Unternehmen hierhergelockt – besonders solche aus der Autoindustrie. 2008 kam General Motors. Vor Kurzem eröffnete BMW in Villa de Reyes ein neues Werk.

Die Produktionsstätte in der Wüste von San Luis Potosí ist angeblich die modernste im Konzern. Rund 175.000 Autos der BMW-3er Serie sollen hier einmal gefertigt werden, mehr als 2.500 Menschen arbeiten im Werk. Ein Drittel der Fläche ist erst bebaut, aber weitere Kapazitäten sind geplant. BMW will von hier aus Fahrzeuge in 40 Ländern liefern, auch in die USA – wenn Donald Trump dem Unternehmen keinen Strich durch die Rechnung macht. Denn der US-Präsident sorgt derzeit für Unsicherheit im Geschäft.

Gelassene deutsche Unternehmen

Anfang Juni drohte er, Importprodukte aus Mexiko mit einem Zoll zu belegen, der bis Oktober 25 Prozent erreichen werde. Damit setzte Trump die mexikanische Regierung unter Druck, gegen Migranten vorzugehen, die über die gemeinsame Grenze in die USA einreisen wollen. Die Lage der Migrantinnen und Migranten in Mexiko hat sich seither massiv verschlechtert, Trumps Zolldrohung aber ist – vorerst – vom Tisch.

Auch deutsche Autohersteller und ihre Zulieferer, die in Mexiko produzieren, wären von den Zöllen betroffen. Dennoch geben sie sich relativ gelassen. "Wir werden nicht darüber spekulieren, was sein könnte," sagt Hermann Bohrer, der das BMW-Werk in San Luis Potosí leitet. Mexiko sei ein wichtiger Markt. "Wir bauen hier eine Anlage mit langfristiger Ausrichtung, nicht für einen kurzen Zeitraum von vier oder fünf Jahren. Wir sind hier, um zu bleiben."

Der Reifenhersteller Continental, der in San Luis Potosí gleich mehrere Werke betreibt, gibt sich ebenfalls nicht sonderlich besorgt. Ein Sprecher weist aber deutlich darauf hin, wie wichtig der freie Handel für das Unternehmen sei. "Wir sind auf die Mobilität unserer Produkte und Vorprodukte angewiesen", teilt Henry Schniewind mit, Pressesprecher für Wirtschaft und Finanzen. Man wolle so effizient wie möglich produzieren und die eigenen Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. "Freihandelszonen erleichtern das durch den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen über Ländergrenzen hinweg."

Der wichtigste Handelspartner

Eine besonders bedeutende Ländergrenze ist aus mexikanischer Sicht die zur USA. Das Nachbarland ist der wichtigste Handelspartner. Es nimmt rund 80 Prozent der mexikanischen Gesamtausfuhren ab und liefert knapp 50 Prozent der Importe. Seit 1994 die nordamerikanische Freihandelszone in Kraft trat (die von Trump kürzlich neu ausgehandelt wurde) hat sich das Exportvolumen Mexikos in die USA vervielfacht. Vor allem für Autos und Agrarprodukte sind die USA ein wichtiger Markt. Drei Viertel der mexikanischen Fahrzeugexporte gehen dorthin.

Sicher ist deshalb: Importzölle wie von Trump angedroht würden die mexikanische Wirtschaft in eine missliche Lage bringen. "Uns ist klar, dass der US-Präsident jederzeit Zölle verhängen könnte", sagt Moisés Braulio García Martínez, Direktor der Wirtschaftsfakultät der Autonomen Universität San Luis Potosí, "und es wäre ziemlich schlecht für uns".