Kommt bald die Firma ohne Chef? – Seite 1

Flexwork, New Work, Remote Work – hinter all diesen Begriffen steckt der Wunsch vieler Menschen, flexibel und selbstbestimmter zu arbeiten. Im Zuge der Digitalisierung hat sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren dramatisch verändert: Dank Smartphone, iPad und Laptop haben sich die Grenzen zwischen Büroarbeit und Feierabend, zwischen Arbeitszeit und Urlaub zunehmend aufgeweicht. Was aber auch für die Einteilung der Arbeit neue Perspektiven eröffnet. Lässt sich der Job nicht auch anders organisieren? Schließlich ist die Arbeit dank der neuen technischen Möglichkeiten nicht mehr an einen bestimmten Ort oder an eine fest geregelte Zeit gebunden. 

Vor allem Jüngere wollen ihr Leben nicht mehr um die Arbeit herumorganisieren, sondern wünschen sich flexible Modelle. Das zeigen verschiedene unterschiedlichste Studien wie etwa eine neue Umfrage unter jüngeren Akademikerinnen und Akademikern des Beratungsunternehmens Trendence. Auch Gewerkschaften wie die IG Metall konstatieren, dass der Wunsch nach flexiblem Arbeiten größer wird. 

In manchen Bereichen der Wirtschaft wird heute in Ansätzen real, was der Philosoph Frithjof Bergmann in den frühen Achtzigerjahren mit dem Begriff New Work beschrieb. Er sah angesichts der fortschreitenden Automatisierung das Ende des "Jobsystems" gekommen und prophezeite eine Bewegung der Neuen Arbeit. Die Menschen hätten durch die neuen Technologien die Chance, sich von der Knechtschaft der Lohnarbeit zu befreien und stattdessen die Arbeit zu wählen, die sie wirklich erfüllt, argumentierte er. Und zwar zu den für sie individuell passenden Bedingungen.

Dem Psychologen Markus Väth zufolge geht die Entwicklung weiter: Es finde eine Verschiebung von der Work-Life-Balance zum Work-Life-Blending statt, die mit einer Neubewertung von Arbeit einhergehe. Es gehe heute weniger um die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, sondern um eine gelungene Kombination von beiden. 

Jüngere halten 34-Stunden-Woche für ideal

Das belegt auch die Trendence-Studie: Ihr zufolge sind fast 95 Prozent der Jüngeren davon überzeugt, dass durch flexibles Arbeiten Familie und Beruf besser vereinbart werden können. Flexibel bedeutet für die Befragten dabei Unterschiedliches, vor allem aber mehr Zeitsouveränität. So sagt die Mehrheit, dass sie nicht mehr als 39 Stunden pro Woche arbeiten will, ideal finden viele sogar eine Wochenarbeitszeit von 34 Stunden. Auch die Möglichkeit, den Arbeitsort individuell und flexibel wählen zu können, ist für viele junge Beschäftigte von zentraler Bedeutung. Das Recht auf Homeoffice setzen sie quasi voraus.

Um so überraschender ist, dass nur 40 Prozent der Befragten angeben, diese Option auch tatsächlich zu nutzen. Ein Grund für dieses Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit ist, dass viele Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden bisher gar nicht so viel Flexibilität gestatten. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichten und repräsentativen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hervor. Demnach bietet zwar jeder vierte Arbeitgeber die Möglichkeit der Arbeit aus dem Homeoffice an – aber nur als Ausnahme. Einen regelmäßigen Tag pro Woche von zu Hause zu arbeiten ist nur bei einem Sechstel aller Betriebe, die überhaupt Telearbeit ermöglichen, erlaubt. Radikalere Modelle wie etwa Remote Work kommen in der Realität fast gar nicht vor.

Unter Remote Work versteht man, dass der Arbeitsort jeden Tag uneingeschränkt selbst gewählt werden kann. Man kann also von dem Ort aus arbeiten, an dem man sich gerade aufhält. Während Arbeitgeber in Skandinavien oder den Beneluxländern durchaus schon mit solchen Modellen experimentieren, scheint hierzulande diese Arbeitsform vielfach entweder unbekannt oder nicht gewünscht zu sein. Repräsentative Zahlen darüber, wie viele Firmen in der Bundesrepublik diese Möglichkeit anbieten, gibt es keine.

Der Wirtschaftswissenschaftler Ayad Al-Ani, Forscher am Einstein Center Digital Future, berät Unternehmen und Organisationen beim digitalen Wandel. Ihn erstaunt es nicht, dass viele Arbeitgeber weiterhin auf Hierarchien, Präsenzzeiten sowie Kontrolle und Überwachung von Beschäftigten setzen. Denn flexible Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden rechneten sich vielfach nicht. "Unternehmen nutzen Hierarchien und Kontrolle, um funktionieren zu können. Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse erhöhen hier die Transaktionskosten und das gefährdet – so eine geläufige Sichtweise – die Wettbewerbsfähigkeit", sagt Al-Ani.

Flexibilität für die Beschäftigten lohnt sich für Unternehmen nicht

Transaktionskosten sind die Kosten, die für ein Unternehmen anfallen, um am Markt teilnehmen zu können. Dazu gehört etwa, die richtigen Mitarbeiter zu finden und sie gut zu managen. Die meisten Unternehmen setzen vor allem auf Kontrolle, um das hinzubekommen. Da die Arbeitgeber ihre Arbeitskräfte auch mit Blick auf die Ertragslage möglichst flexibel einsetzen wollen, kommen Firmen dem Wunsch ihrer Mitarbeiter nach mehr Freiheit deshalb oft nur sehr zögerlich nach. Dies belegt auch eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit: Ihr zufolge wird seitens der Unternehmen zwar viel über New Work gesprochen, aber bisher wenig Konkretes davon umgesetzt. 

Erste radikale Beispiele gibt es schon

New Work kann dabei weit mehr als nur flexible Arbeitszeiten bedeuten, sondern ganz neue Organisationsformen nach sich ziehen. Im Extremfall verändert sich die Führung, sodass es keine Führungskräfte und auch keine Hierarchie mehr gibt. Laut den Autorinnen und Autoren der Fraunhofer-Studie liegen auch über die Verbreitung dieser Managementkonzepte in der Realität keine Daten vor.

"New Work ist im Moment ein eher substanzloser Modebegriff. Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs, in der sich eine neue Arbeitsorganisation noch nicht durchgesetzt hat und in der grundsätzliche Konfliktthemen wie die Macht- und Einkommensverteilung nicht angesprochen werden", sagt Al-Ani. "Da passen Managementkonzepte gut, die zwar mehr Flexibilität einfordern, aber nicht konkretisieren, wie dies passieren soll. Im Gegenteil: Ist man nicht innovativ und agil genug, ist man selbst schuld."

Der Fraunhofer-Studie zufolge gibt es aber durchaus schon Ansätze von New Work in Unternehmen zu besichtigen. Sie stellt dar, dass das Einführen neuer Arbeitsmethoden und Arbeitsformen häufig reibungsloser verläuft, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter zusammen an einem Strang ziehen und dafür sorgen, dass der einzelne Mitarbeiter und die einzelne Mitarbeiterin Möglichkeiten zur individuellen Mitbestimmung bekommt. Als Beispiel wird der Daimler-Konzern genannt, in dem sich Betriebsräte, Gewerkschaften und Management unter Einbeziehung der Beschäftigten auf eine Betriebsvereinbarung für flexibleres Arbeiten geeinigt haben. Die Untersuchung offenbart auch, dass neue Arbeitsformen wie eine selbstbestimmte Wahl der Arbeitszeiten keineswegs nur in Bürojobs möglich sind. Auch in der Produktion und in Kleinbetrieben kann flexibel gearbeitet werden.

Vorreiter bei New Work: eine kleine Bäckerei

Die Studie verweist auf die Bäckerei Leonhardt aus Bretten in Baden-Württemberg, einen 1904 gegründeten Betrieb mit 30 Beschäftigten. Das kleine Unternehmen führte neue Produktionszeiten und eine flexible Schichtplanung ein. Einerseits wollte die Bäckerei dem Bericht zufolge so dem Fachkräftemangel begegnen, weil es immer schwererfiel, gutes Personal zu finden. Andererseits wollte sie durchgängig frische Ware anbieten. Das bedeutete aber auch: nicht mehr in der Nacht, sondern den ganzen Tag über backen. Zudem stellte die Bäckerei von einer Sechstagewoche auf eine Fünftagewoche um. Für viele Angestellte bedeuteten die Änderungen attraktivere Arbeitszeiten, zumal bei den Dienstplänen Rücksicht auf die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten genommen wird. 

Und auch ein Beispiel für eine Firma, die ganz ohne Chef oder Chefin auskommt, wird gebracht: das Berliner Unternehmen Dark Horse, ein Entwickler von Produkt- und Dienstleistungsinnovationen. Gegründet wurde Dark Horse von Studierenden der HPI School of Design Thinking der Universität Potsdam, die eine Firma ohne jegliche Hierarchien schaffen wollten. Alle Entscheidungen werden im Konsens gefällt. Das Unternehmen vergibt aber da, wo es zweckdienlich und von allen akzeptiert sei, mittlerweile Führungsrollen auf Zeit.  

Wirtschaftswissenschaftler Al-Ani glaubt trotzdem, dass Firmen ohne Führungskräfte noch eine Weile auf sich warten lassen werden. Angesichts der steigenden Nachfrage nach mehr flexiblen Arbeitsmodellen werde sich dennoch bald etwas ändern. Der Forscher sagt: "New Work funktioniert da, wo die Rahmenbedingungen stimmen: wenn das Unternehmen um die Leidenschaften und Interessen der Mitarbeiter herum gebaut ist, Arbeitsinhalte strukturiert sind, Kollaboration unterstützt wird und auch eine gewisse Fürsorge für das Individuum entlang seines zunehmend selbstbestimmten Pfades gezeigt wird."