Es ist heiß in Deutschland – so heiß wie nie seit Beginn der Messungen. Hinzu kommt die anhaltende Trockenheit in weiten Teilen des Landes, die nicht nur der Landwirtschaft schadet, sondern auch dem Wald. Der litt schon im vergangenen Jahr. Doch jetzt, im zweiten Dürresommer in Folge, schlagen Waldbesitzer Alarm. Etwa 110.000 Hektar Wald seien zerstört, sagt ihr Verband, 300 Millionen Bäume müssten nachgepflanzt werden.  

Das Klima verändert sich, und darauf muss man reagieren, sagt Jörg Ewald. Er ist Forstwissenschaftler und Spezialist für Botanik und Vegetationskunde an der Fakultät Wald und Forst der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Wie der Wald sich anpassen könnte? Darüber spricht er im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Ewald, wie geht es dem deutschen Wald?

Jörg Ewald: Gerade passiert das, was Forstwissenschaftler und andere schon länger befürchtet haben: Es kommt zu großen Schäden in deutschen Wäldern. Viele Bäume sterben, auch alte Exemplare, und an manchen Orten sterben ganze Baumbestände. Davor kann einem schon angst und bang werden. So eine Situation kannten wir bisher nicht.

ZEIT ONLINE: Ist es schlimmer als das Waldsterben der Achtzigerjahre?

Ewald: Ja, das Sterben ist viel dramatischer. Betroffen sind viel größere Flächen – und nicht nur einzelne Baumarten, sondern viele. Wie immer muss man aber räumlich unterscheiden...

Der Bergwald ist im Moment durch die häufigen lokalen Niederschläge noch gegen den Klimawandel gefeit.

ZEIT ONLINE: Wo leidet der Wald besonders?

Ewald: Ich sitze hier in Südbayern und schaue aus meinem Büro in Richtung Alpen. Ich forsche vor allem zu Bergwäldern und ich sehe, dass die Krise hier noch nicht angekommen ist. Wir spüren zwar die Hitze, aber es sterben noch nicht auffallend viele Bäume. In Nordbayern hingegen ist die Lage richtig dramatisch. Und in Nordostdeutschland kommen noch die Waldbrände hinzu, dort sind die Forstleute besonders alarmiert.

ZEIT ONLINE: Woher kommen die regionalen Unterschiede?

Ewald: Das ist noch nicht umfassend untersucht, damit fangen wir erst an. Was man aber sagen kann: In Deutschland wird das Klima nach Norden hin langsam feuchter und kühler. Das ist eigentlich gut für den Wald, aber auch im Norden ist es derzeit – und schon länger – trocken und heiß. Im Süden aber dreht sich das irgendwann um. Je mehr man sich dem Alpenrand nähert, desto reicher fällt im Sommer der Niederschlag. Es gibt mehr und ergiebigere Gewitter. Sie verschaffen den Menschen Abkühlung und füllen die Wasserspeicher im Boden auf.

ZEIT ONLINE: Und das reicht, damit es dem Wald gut geht?

Ewald: Ab einer bestimmten Höhe sind heiße Sommer im Gebirge sogar gut für den Wald. Es ist dann zwar auch wärmer als im Durchschnitt, aber es gibt genug Regen, so dass der Wald munter weiterwächst. Das ändert sich erst, wenn es über viele Wochen hinweg trocken bleibt. Im Moment aber ist der Bergwald durch die häufigen lokalen Niederschläge noch gegen den Klimawandel gefeit.

ZEIT ONLINE: Liegt es überhaupt am Klima, dass so viele Bäume sterben? Manche sagen, der Wald sei einfach über lange Zeit hinweg falsch bewirtschaftet worden, und das räche sich jetzt.

Der Borkenkäfer, für den die Monokulturen besonders anfällig sind, hat auch schon früher immer wieder großen Schaden verursacht.

Ewald: Tatsächlich hat man aus wirtschaftlichen Gründen schnell wachsende Bäume wie Fichte und Kiefer weit jenseits ihrer natürlichen Standorte gepflanzt, und das auch noch häufig in Monokulturen. Solche Wälder sind sehr anfällig, zum Beispiel für Schädlinge – und das Phänomen, dass sie in regelmäßigen Abständen, auch ohne Dürrejahre, absterben, kennt man schon lange. Dann gelangt viel Fichtenholz auf den Markt und die Preise fallen teilweise so stark, dass es gar nicht mehr kostendeckend verkauft werden kann. Der Schaden für die Forstbetriebe ist enorm. In der Vergangenheit lag das nicht unbedingt an der Dürre.

ZEIT ONLINE: Woran dann?

Ewald: Es kann mehrere Ursachen geben. Der Borkenkäfer zum Beispiel, für den die Monokulturen besonders anfällig sind. Er hat auch schon früher immer wieder großen Schaden verursacht, etwa nach Stürmen, nach denen er sich im Totholz gefallener Bäume gut vermehren konnte. Diesmal hat der Hitzesommer 2018 eine massive Borkenkäferwelle in den wärmeren Regionen Mitteleuropas ausgelöst. Die Kiefer leidet unter einem Pilzbefall, bei dem die Ursache nicht ganz klar ist.

ZEIT ONLINE: Was ist mit anderen Baumarten? Geht es denen im Gegensatz zur Fichte und Kiefer gut?

Ewald: Im Gegenteil. Die Buchen sind stark geschädigt und das ist wirklich beunruhigend, denn die Buche gilt eigentlich als eine robuste, gut an unsere Breiten angepasste Baumart. Bisher sind viele Forstleute davon ausgegangen, dass die Buche als heimische Laubbaumart die Trockenheit schon überleben wird. Aber jetzt sehen wir in Hessen, in der Oberrheinischen Tiefebene und in Nordbayern, dass sie sehr stark von der Trockenheit betroffen ist. Man könnte sagen: Die Dürre trifft den deutschen Wald im Herzen. Das Klima hat sich in einer Weise verschoben, dass es uns schwerfällt, damit umzugehen.

ZEIT ONLINE: Bedeutet das, dass die Buche aus den deutschen Wäldern verschwinden wird?