Es sieht danach aus, als würde Donald Trump seinen Willen bekommen. Seit Monaten drängt der US-Präsident die Fed genannte US-Zentralbank, den Leitzins zu senken. Damit will er sicherstellen, dass die Wirtschaft weiterhin wächst. Und laut einer Reuters-Umfrage gehen 95 Prozent der befragten Ökonomen davon aus, dass die Notenbank am Mittwoch eine Senkung um 0,25 Prozentpunkte beschließen wird (aktuell beträgt der Leitzins zwischen 2,25 und 2,5 Prozent).

Der Auslöser für den Schritt nach unten dürfte allerdings weniger der öffentliche Druck des Präsidenten sein, sondern die Sorgen der Wirtschaft. Trumps Handelsstreit mit China und der EU hat auf den Kapitalmärkten Unsicherheit verbreitet, welche die Fed mit der ersten Zinssenkung seit mehr als zehn Jahren eindämmen will.

Dem aktuellen Konjunkturhoch scheint die Unsicherheit noch nicht allzu sehr zu schaden. Die Arbeitslosenquote liegt bei historisch niedrigen 3,7 Prozent. Das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal betrug zwar nur noch 2,1 Prozent – und damit einen Prozentpunkt weniger als im vorangegangenen Quartal. Doch insgesamt geht es den USA wirtschaftlich ausgesprochen gut. Auch wenn viele Ökonomen davon ausgehen, dass das Konjunkturhoch eher der langfristigen Erholung der Wirtschaft nach der Finanzkrise 2008 zu verdanken ist, verkauft Trump den Boom als Erfolg seiner Steuersenkungen. Offenbar erfolgreich: Umfragen zeigen, dass die Wählerinnen und Wähler mit seiner Wirtschaftspolitik überwiegend zufrieden sind.

Konjunktur könnte sich bald abschwächen

Die Frage ist nur, wie lange der aktuelle Wirtschaftstrend anhält. Mehrere Indikatoren deuten darauf hin, dass der Aufschwung bald ein Ende haben könnte. Dafür spricht zum Beispiel die Situation im produzierenden Gewerbe. US-Industrieunternehmen stellen aktuell wesentlich weniger neue Mitarbeiter ein als noch im vergangenen Jahr. 2018 stiegen die Beschäftigungszahlen im Durchschnitt um 22.000 Angestellte im Monat. Im laufenden Jahr waren es durchschnittlich nur noch 8.000.

Auch der Purchasing Managers Index (PMI) deutet auf eine anstehende Schwächephase hin. Der PMI ergibt sich aus Befragungen von Managern in Industrieunternehmen über Einkäufe, Lagerbestände, Bestellungen und andere Faktoren. Er gilt als Frühindikator für die Wirtschaftsentwicklung. Bei einem Index-Wert von mehr als 50 gehen Experten von Wachstum aus, bei einem Wert unter 50 schrumpft die Wirtschaft entsprechend. Nachdem der Wert im vergangenen Jahr stellenweise auf mehr als 56 kletterte, steht er aktuell nur noch bei 50. Und der Trend geht nach unten.

Diese Entwicklung dürfte für Trump besonders ärgerlich sein, weil die Stärkung der eigenen Industrie eines seiner politischen Kernanliegen und ein wichtiger Grund für seine aggressive Außenhandelspolitik ist. Möglicherweise ist dem US-Präsidenten die Zinssenkung der Fed auch deshalb besonders wichtig.

Arbeitslosigkeit kann schnell zum Abstieg führen

Für Trump sind die ökonomischen Eckdaten politisch außerordentlich wichtig. Wählerinnen und Wähler in den USA beobachten den Zustand der heimischen Wirtschaft sehr genau. In Abwesenheit eines dauerhaft existenzsichernden Sozialstaats kann Arbeitslosigkeit innerhalb von wenigen Monaten zum Verlust von Haus, Krankenversicherung und Erspartem führen. Wenn die Wirtschaft weiter stark bleibt, steigert das Trumps Wiederwahlchancen enorm. Denn selbst Wähler, die seiner Amtsführung sonst nicht viel abgewinnen können, loben seine Wirtschaftsbilanz. Die konfrontative Handelspolitik gegenüber China unterstützen selbst Teile der Demokraten.

Dennoch können Trumps Gegner auch auf diesem wahlentscheidenden Politikfeld Angriffspunkte finden. Denn der Aufschwung hat einen Schönheitsfehler: Wie fast immer in den vergangenen Jahrzehnten kommen die Profite aus dem aktuellen Boom hauptsächlich bei den Wohlhabenden an. Eine Studie des Pew-Research-Instituts kam 2018 zu dem Ergebnis, dass sich die aus dem Arbeitseinkommen erzielte Kaufkraft eines durchschnittlichen US-Amerikaners in den vergangenen 40 Jahren kaum erhöht hat. Selbst 2018 betrugen die Gehaltssteigerungen inflationsbereinigt nur 1,1 Prozent.