Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung seit 2013, hat sich früh dagegen ausgesprochen, Brasilien wegen der Brände im Amazonas wirtschaftlich oder politisch unter Druck zu setzen. Im Interview erklärt er, was aus seiner Sicht besser helfen würde.

ZEIT ONLINE: Herr Müller, die G7 haben 20 Millionen Euro an Soforthilfe für den Amazonas versprochen. Reicht das?

Gerd Müller: Das reicht nicht. Ich sehe darin vor allem eine Geste des guten Willens. Mit den 20 Millionen soll die Brandbekämpfung unterstützt werden. Das ist wichtig, aber es muss noch mehr passieren.

ZEIT ONLINE: Was denn?

Müller: Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken. Die Regenwälder sind die Lunge unseres Planeten, ohne die wir nicht atmen können. Wer das Klima wirklich schützen will, der muss in den Erhalt der Regenwälder investieren, nicht nur in Brasilien, sondern auch in Indonesien oder dem Kongobecken, dem zweitgrößten Tropenwaldgebiet der Erde.  

ZEIT ONLINE: Nun sagt aber die brasilianische Regierung: Das ist unser Wald und wir machen damit, was wir wollen. 

Müller: Die brasilianische Regierung hat das Pariser Klimaabkommen unterschrieben und sich dazu verpflichtet, den illegalen Holzeinschlag zurückzuführen. Dabei sollten wir die Regierung unterstützen. 

ZEIT ONLINE: Sie mag sich zu dem Abkommen öffentlich bekennen, Kritiker sagen aber: Der rechtskonservative Staatschef Jair Bolsonaro tut trotzdem nichts gegen die Brandrodung.

Der Höhepunkt der Rodung war im Jahr 2004. Damals wurde mehr als die doppelte Fläche gerodet als heute.

Müller: Wir sollten uns die Fakten anschauen. Der Höhepunkt der Rodung war im Jahr 2004. Damals wurde mehr als die doppelte Fläche gerodet als heute. Das bedeutet nicht, dass wir uns mit der Situation jetzt zufriedengeben sollten. Im Gegenteil. Wir sollten aber nicht ideologisch an die Sache herangehen, sondern lösungsorientiert. Ich bin mit dem brasilianischen Umweltminister weiter im Gespräch, mein Eindruck ist: Auch er will etwas bewegen.

ZEIT ONLINE: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat damit gedroht, das Handelsabkommen der EU mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur nicht zu ratifizieren. Ein kluger Schachzug?

Müller: Druck erzeugt nur Gegendruck. Der Stil und Ton unserer Diskussion hier in Europa wird in Brasilien als verletzend empfunden. Gegenseitige Schuldzuweisungen und Auseinandersetzungen auf Twitter helfen weder dem Regenwald noch den indigenen Völkern oder dem Klima.

ZEIT ONLINE: Was würde denn helfen?

Müller: Die Menschen vor Ort brauchen eine Perspektive, vor allem die indigene Bevölkerung. Sie sind oft die besten Hüter des Regenwalds. Und wir müssen Alternativen für die Bauern eröffnen. Der Regenwald darf nicht für neue Agrarflächen brennen.  

ZEIT ONLINE: Auf vielen Flächen wird Soja angebaut, der dann in Europa und anderswo für die Tiermast verwendet wird.

Müller: Ich bin deshalb für eine klare Zertifizierung: Wer Soja importieren will, der muss den Nachweis erbringen, dass der Anbau nicht auf gerodeten Waldflächen erfolgt ist. Das nimmt Druck von den Regenwäldern.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet aber: Die Futterpreise steigen und in Deutschland wird das Schnitzel womöglich teurer.