Wenn dieser Tage von der deutschen Wirtschaft gesprochen wird, dann unheilvoll, denn der Industrie geht es schlecht. Und trotzdem sorgt sich bislang noch kaum ein Politiker oder eine Politikerin um die Arbeitsplätze. Die Entspanntheit hat ihre Gründe: Mit rund 45 Millionen sind aktuell mehr Menschen erwerbstätig als je zuvor. Nur noch 2,2 Millionen Deutsche sind arbeitslos, das entspricht einer Quote von fünf Prozent, was nah an der Vollbeschäftigung ist. Noch Mitte der Nullerjahre hatten viele gedacht, die Arbeitslosigkeit (damals über vier Millionen, zeitweise sogar über fünf Millionen Menschen) würde sich nie wieder bedeutend reduzieren lassen. Es folgte das, was man im Rückblick "das deutsche Beschäftigungswunder" nennt.

So weit ist die Geschichte oft erzählt. Ganz verstanden ist das Wunder allerdings noch nicht. Denn wer es sich genau hinschaut, erkennt eine Unwucht: Es gibt deutliche Unterschiede bei den Geschlechtern. So haben in den vergangenen Jahren zwar auch ehemals arbeitslose Männer eine Stelle gefunden, doch die deutlichste Bewegung sieht man bei den Frauen. 2017 hatten fast zwei Millionen Frauen mehr eine Stelle als zehn Jahre zuvor. Bei den Männern war es nur eine Million.

Der Anteil der Frauen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, lag vor 16 Jahren bei 62 Prozent. Heute sind es 76 Prozent; das übertreffen in der Europäischen Union nur noch drei Länder. Die Arbeitslosenquote, in den Neunzigerjahren noch deutlich über derjenigen der Männer, liegt mittlerweile leicht darunter. Und in drei Bundesländern sind heute sogar mehr Frauen sozialversicherungspflichtig beschäftigt als Männer: Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen.

Frauen verändern den Arbeitsmarkt

In den vergangenen 15 Jahren hat das Land also eine Veränderung der weiblichen Biografie erlebt wie selten zuvor. Es kommt nun sehr viel mehr bezahlte Arbeit darin vor. Besonders deutlich wird das bei Frauen über 45. Denn hier stieg die Beschäftigung überdurchschnittlich an.

Und siehe da: Nicht nur die weibliche Biografie hat sich verändert. Die Frauen, die auf den Arbeitsmarkt drängten, verändern auch den Arbeitsmarkt. Jedenfalls kann man das so deuten, wenn man eine zweite Entwicklung sieht: Der Anteil der Menschen, die in Teilzeit beschäftigt sind, hat gleichzeitig deutlich zugenommen.

Das klingt erst einmal ganz gut. In Zeiten der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland gab es sicher eine Menge Frauen, die es aufgegeben hatten, eine Stelle zu finden, die zu ihrem Leben passt. Jetzt können sie wieder etwas finden.

Trotzdem gilt die Sache nun wieder bei allen möglichen Seiten als Problem. Eine krude Allianz von Unternehmern, Gewerkschaftern, Feministinnen und Sozialpolitikern fordert mehr oder weniger unverblümt: Frauen, geht mehr arbeiten! Unternehmen haben Angst vor Fachkräftemangel, Sozialpolitikerinnen fürchten, dass die Rentenkassen nicht lange halten ohne Frauen, die noch mehr arbeiten. Gewerkschafter kritisieren die Zunahme "atypischer Beschäftigung", worunter auch Teilzeit fällt und die sie "oft ungewollt" nennen. Und manche Feministinnen schließlich finden, dass Teilzeitarbeit einfach nicht ausreicht, damit Frauen wirklich eigenständig und vom Ehemann unabhängig sein können.

"Echt jetzt?"

Frauen wären gut beraten, dem ein freundliches "Echt jetzt?" entgegenzurufen. Denn die meisten Argumente sind nicht sehr solide, jedenfalls unter heutigen Bedingungen. Den Fachkräftemangel und das demografische Problem für die Rentenkassen beseitigt man am schlechtesten über eine Art Frauen-Vollzeit-Gebot – und am besten durch klug gesteuerte Zuwanderung und mehr Kinder. Letzteres führt nicht unbedingt dazu, dass junge Paare mehr arbeiten können. Bei allem Respekt für die Unterstützung durch Kitas und Horts. Irgendjemand muss die Kinderschar ja auch hinbringen und abholen, die Hausaufgaben durchsprechen, Vokabeln abfragen, das Einschlaftraining und die Wäsche machen. Mit zwei Vollzeitjobs ist das nur dann vereinbar, wenn die so viel abwerfen, dass man sich eine Haushaltshilfe leisten kann, die am besten auch noch etwas von Garten und Kindererziehung versteht. Überall, wo das nicht der Fall ist (also meistens), ist es selbstverständlich überhaupt nicht gottgegeben, dass die Frau die Dinge rund um Kinder und Haushalt erledigt. Das sollte unbedingt der Mann tun, dessen 100-Prozent-Arbeit ja auch selten die Erfüllung ist. Oder beide zu gleichen Teilen. Wenn dann die Frau mehr arbeitet (wie gewünscht), der Mann aber weniger, hilft das gegen Fachkräftemangel und Rentenlücke gar nicht.

Auch das Gewerkschafts-Argument ist zumindest wackelig. Denn einen Teilzeitjob kann man zwar eine atypische Beschäftigung nennen. Einige Frauen gibt es sicher, die mehr arbeiten wollen, aber nicht können, weil das Geld dafür in der Firma fehlt. Letzteres in großem Stil ist unter den Topbedingungen am Arbeitsmarkt zuletzt allerdings unwahrscheinlich. Es scheint eher so zu sein: Die Teilzeitstelle ist für viele Menschen genau das, was in einer bestimmten Lage zu ihrem Leben passt. Umfragen belegen übrigens, dass der größte Teil der in Teilzeit arbeitenden Menschen (darunter auch Männer) sehr zufrieden damit ist, ein paar Stunden weniger zu arbeiten.

Bleibt also die Frage der Feministin: Müssen Frauen mehr arbeiten, um sich aus der finanziellen Abhängigkeit vom Ehemann zu lösen? Das klingt unangenehm misstrauisch und ganz und gar unromantisch. Es ist aber bedenkenswert, zumal es spätestens in der Rente knapp werden kann, wenn man zuvor nicht ein bisschen mehr als ein bisschen gearbeitet hat. Aber auch zuvor kann es geschehen, dass man sich vom einstigen Traummann trennt und dann feststellt: Da kommt finanziell nicht mehr viel rüber.

Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis allerdings muss nun wirklich nicht sein, dass beide Partner Vollzeit arbeiten und nebenher noch vier Kinder großziehen – so sehr sich das der tariflohnverliebte Gewerkschafter zusammen mit dem fachkraftsüchtigen Unternehmer und dem rentensystemphobischen Politiker erträumt.

Nö, wieso der ganze Stress? Es können ja auch die Väter mal etwas weniger arbeiten, wenn Kinder da sind, und dafür die Frauen etwas mehr? Am Ende beide in etwa gleich? Kaum etwas ist schließlich so gut belegt wie die Tatsache, dass junge Paare eigentlich genau das wollen: Jeder soll zu gleichen Teilen für Familie und Haushaltseinkommen verantwortlich sein.

Das wäre doch mal ein echtes Wunder: wenn deutsche Paare und ihre Arbeitgeber das als Nächstes hinkriegten.