Der deutsche Wald leidet unter Dürre, Schädlingen und Stürmen. Die unionsgeführten Forstressorts der Länder fordern einen Masterplan, um dem Waldsterben beizukommen. In ihrer Moritzburger Erklärung fordern sie vom Bund in den kommenden vier Jahren 800 Millionen Euro. Für September hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) einen nationalen Waldgipfel ausgerufen.

Ulrich Dohle, seit 25 Jahren Förster in Kaarz in Mecklenburg-Vorpommern und Bundesvorsitzender beim Bund Deutscher Forstleute, freut sich, dass die Politik reagiert. Es fehle den Förstern aber an Personal, um die Wälder nachhaltig zu bewirtschaften, mahnt er im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Dohle, warum braucht der deutsche Wald gerade jetzt einen Masterplan?

Ulrich Dohle: In Deutschland gibt es extreme Waldschäden. Der Grund dafür sind die großen Niederschlagsdefizite, die wir seit Anfang 2018 haben. Im Sauerland zum Beispiel ist 2018 nur die Hälfte des durchschnittlichen Niederschlags gefallen. Es gibt direkte Schäden an den Bäumen und in der Folge auch vermehrt Schädlingsbefall. Der ist bei der Fichte besonders markant: Die Borkenkäfer fallen über die geschwächten Bäume her. Im Moment haben wir dadurch eine Schadensfläche von knapp 120.000 Hektar Wald in Deutschland – eine Fläche, so groß wie Berlin. Selbst die Buche zeigt aber mittlerweile Schäden, bei ihr sind es Absterbeerscheinungen. Das macht uns Forstleuten große Sorgen, weil wir auf die Buche als natürliche Baumart gesetzt haben, um in Zukunft Mischwälder noch stärker zu etablieren.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich die aktuellen Schäden vom Waldsterben der Achtzigerjahre?

Dohle: Damals ging es in erster Linie um Schadstoffe aus großen Industrieanlagen oder dem Verkehr. Das konnte durch zielgerichtete Politik – etwa dem Einsatz von Katalysatoren in Autos – stark verbessert werden. Solch eine gezielte Politik brauchen wir natürlich auch beim Waldsterben 2.0, über das wir jetzt reden. Die Ursachen sind jetzt viel komplexer. Wir sprechen hier über Klimaveränderung und sehen an der gesellschaftlichen Diskussion, wie schwierig es ist, Lösungen zu finden, die akzeptiert werden. 

ZEIT ONLINE: Wenn die Ursachen so unterschiedlich sind, dann klingen die politischen Ziele der Moritzburger Erklärung eigentlich wie altbekannte Strategien: nachhaltige Waldbewirtschaftung, Waldumbau, Forschung und Umweltbildung.

Dohle: Grundsätzlich schon, aber die geplanten Mittel sind realistischer. Im vergangenen Jahr wurden vom Bund fünf Millionen Euro jährlich für den Wald zusätzlich beschlossen, um auf die Situation zu reagieren. Jetzt sollen pro Jahr 200 Millionen Euro mehr zur Verfügung stehen. Die Schäden müssen erst mal beseitigt und dann müssen die Flächen relativ schnell durch klimastabile Mischwälder wieder aufgeforstet werden. Das ist in der Vergangenheit auch passiert, aber nicht in der Größenordnung, in der es erforderlich gewesen wäre. Wir waren einfach zu langsam im Waldumbau. Ungefähr 25 Prozent unserer Wälder sind nach wie vor Monokulturen. Die sind natürlich besonders gefährdet. 

ZEIT ONLINE: Was kann noch helfen?

Dohle: Mehr Personal. Irgendjemand muss die Pflanze in die Hand nehmen und in den Boden setzen. Da ist ein Riesenfehler passiert in den letzten 25 Jahren: Ungefähr 50 Prozent des Forstpersonals ist abgebaut worden. Revierförster und Waldarbeiter fehlen überall. Es nützt nichts, nur Entschädigung zu zahlen und Pflanzen zu kaufen, wenn man kein Personal hat, das die Aufforstung umsetzen kann. 

ZEIT ONLINE: Etwa 48 Prozent der deutschen Wälder sind in Privatbesitz. Die Besitzer müssen ihre Wälder bewirtschaften und schützen. Tun sie genug?

Dohle: Auch die privaten Waldbesitzer müssen unterstützt werden, weil sie keine professionellen Strukturen haben. Wir sprechen von etwa 1,8 Millionen Waldeigentümern in Deutschland. Das sind ganz normale Bürger, Angestellte oder Arbeiter, die irgendwo einen oder zwei Hektar Wald haben – das ist die durchschnittliche Größe. Auch da steht der Staat in der Verantwortung, den Sachverstand seiner Forstverwaltungen durch Beratungen an diese Waldbesitzer heranzutragen, damit die Wälder auch dort umgestaltet werden können in Richtung Klimastabilität.

ZEIT ONLINE: Wie sieht der Wald der Zukunft für Sie als Förster aus?

Dohle: Auf jeden Fall muss es ein gemischter Wald sein mit einer vergleichsweise hohen Vielfalt an Baumarten. Davon versprechen wir uns eine höhere Stabilität dem Klima gegenüber.